Siegfried Steger, ein Kämpfer für die Freiheit Südtirols hat uns verlassen

Bild: Lorenz Puff, Schützenkompanie Gries.

Am 21. Februar 2026 verstarb nach schwerem Leiden Siegfried Steger, ein tapferer Vorkämpfer für die Freiheit Südtirols.

Mehrere Nachrufe würdigten seine Tapferkeit und seine Leistungen.

Siegfried Steger
Siegfried Steger

Bild links: Siegfried Steger schrieb seine Geschichte in einem Buch nieder. Bild Rechts: Die 4 „Puschtra Buibm“ in einem Bericht des „Domenica del Corriere“ vom 11. Juli 1967. Ganz links im Bild Siegfried Steger.
Bild links: Siegfried Steger schrieb seine Geschichte in einem Buch nieder. Bild Rechts: Die 4 „Puschtra Buibm“ in einem Bericht des „Domenica del Corriere“ vom 11. Juli 1967. Ganz links im Bild Siegfried Steger.

Nachruf des Südtiroler Schützenbundes vom 21. 2. 2026:

Der letzte der „Puschtra Buibm“ ist heimgegangen

TIROL – Mit tiefer Trauer und großer Dankbarkeit nimmt der Südtiroler Schützenbund Abschied von Freiheitskämpfer Siegfried Steger, dem „Puschtra Bui“. Mit ihm geht der letzte der vier „Puschtra Buibm“ – nach Sepp Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter schließt sich nun ein Kapitel Südtiroler Zeitgeschichte.

Siegfried Steger wurde am 24. Oktober 1939 in Mühlen in Taufers geboren – in eine Zeit, in der die Wunden von Option, Entrechtung und radikaler Italienisierung noch offen waren. Er gehörte zu jener Generation junger Südtiroler, die nicht bereit war, das Unrecht schweigend hinzunehmen. Mit 22 Jahren entschloss er sich, im Freiheitskampf für Tirol einzustehen – aus Überzeugung, aus Heimatliebe, aus dem Gefühl heraus, Verantwortung zu tragen.

Die „Puschtra Buibm“ in einem Höhlenversteck in Südtirol.
Die „Puschtra Buibm“ in einem Höhlenversteck in Südtirol.

Gemeinsam mit Sepp Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter wurde er zu einem Symbol des Widerstandes jener Jahre. Die vier „Puschtra Buibm“ stehen bis heute für eine Generation, die unter großem persönlichem Risiko handelte. Sie wurden verfolgt, verurteilt, gebrandmarkt – und doch blieben sie ihrer Überzeugung treu.

Auf dem Landesfestzug im Jahre 1984 schritt Siegfried Steger vor der eisernen Dornenkrone, welche durch eine Weisung des Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer (ÖVP) im Festzug durch Innsbruck mitgeführt werden durfte.
Auf dem Landesfestzug im Jahre 1984 schritt Siegfried Steger vor der eisernen Dornenkrone, welche durch eine Weisung des Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer (ÖVP) im Festzug durch Innsbruck mitgeführt werden durfte.

In Innsbruck wurden die Forderungen nach Selbstbestimmung und Landeseinheit erhoben.
In Innsbruck wurden die Forderungen nach Selbstbestimmung und Landeseinheit erhoben.

Siegfried Steger musste dafür einen Preis zahlen, den kaum jemand ermessen kann: lebenslanges Exil. Fern der Heimat, fern vom Pustertal, fern von seiner Familie. Besonders schmerzlich war für ihn, dass er nicht einmal an den Begräbnissen seiner Eltern teilnehmen durfte. Ein Sohn, dem es verwehrt blieb, Abschied zu nehmen – das ist eine Tragödie, die über jedes politische Urteil hinausgeht.

Mit seinem Tod verstummt die Stimme des letzten der vier. Was bleibt, ist ein Lebensweg, der geprägt war von Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und unerschütterlicher Verbundenheit mit Tirol.

Heute lebt Südtirol in Frieden und im Wohlstand. Doch der Weg dorthin war kein selbstverständlicher. Er war geprägt von Spannungen, Konflikten und vom Mut jener, die bereit waren, persönliche Opfer zu bringen. Die Geschichte wird über Methoden und Wege urteilen – aber sie wird nicht leugnen können, dass es Männer wie Siegfried Steger waren, die aus tiefem Verantwortungsgefühl für ihre Heimat handelten.

„Der Südtiroler Schützenbund verneigt sich in Dankbarkeit vor einem Landsmann, der sein Leben der Überzeugung widmete, dass Freiheit und Würde nicht verhandelbar sind. Siegfried Steger war der Letzte der Puschtra Buibm. Nun sind sie wieder vereint. Möge er in Frieden ruhen“, so Mjr. Christoph Schmid, Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes.

Nachruf des Südtiroler Heimatbundes (SHB) vom 21. 2. 2026:

SHB trauert um Siegfried Steger – Auch ihm blieb italienische Menschlichkeit versagt!

Mit tiefer Erschütterung und in ehrfürchtiger Dankbarkeit nimmt der Südtiroler Heimatbund Abschied von Siegfried Steger. Mit seinem Tod verliert Südtirol nicht nur einen unbeugsamen Vertreter der Freiheitsbewegung, sondern auch den letzten der vier sogenannten „Puschtra Buibm“, die in den 1960er-Jahren zu Symbolfiguren eines entschlossenen Widerstandes gegen staatliche Repression wurden.

„Mit Siegfried Steger ist eine Persönlichkeit von uns gegangen, die wie kaum eine andere für Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und kompromisslose Treue zur Südtiroler Heimat stand. Sei

Siegfried Steger wurde 1939 in Mühlen in Taufers geboren. Aufgewachsen in einer Zeit politischer Spannungen und kultureller Bedrängnis, erlebte er früh die Folgen einer Politik, die von vielen Südtirolern als Missachtung ihrer Identität und Rechte empfunden wurde. Diese Erfahrungen prägten sein Denken und Handeln nachhaltig. Gemeinsam mit Sepp Forer, Heinrich Oberleiter und Heinrich Oberlechner wurde Steger in den 1960er-Jahren durch Aktionen gegen staatliche Symbole bekannt. Diese Aktionen standen im Kontext der damaligen politischen Situation, die von massiven Spannungen zwischen Staat und Südtiroler Bevölkerung geprägt war. Der Südtiroler Heimatbund betont, dass diese Taten im historischen Zusammenhang einer völkerrechtswidrigen Unterdrückungspolitik gegenüber der deutschen und ladinischen Volksgruppe zu betrachten sind. Es war die Notwehr eines Volkes.

Was folgte, war ein jahrzehntelanges Leben im Exil. Steger verbrachte den Großteil seines Lebens in Telfs. Trotz fortschreitenden Alters und schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen blieb ihm die Rückkehr in seine Heimat verwehrt. Die italienische Justiz hielt an Urteilen fest, die für viele Südtiroler bis heute ein schmerzhaftes Relikt einer konfliktreichen Vergangenheit darstellen. „Siegfried Steger war ein Mann mit klarer Haltung. Er hat das Exil getragen wie ein inneres Gelöbnis – in Würde, ohne Bitterkeit, aber mit unerschütterlicher Überzeugung.

„Für mich ist es sicher eine große Belastung, im Exil leben zu müssen, ohne die Hoffnung, die geliebte Heimat wieder einmal sehen zu können. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht an die Heimat denkt. Besonders zu Weihnachten und an bestimmten Feiertagen schmerzt die Seele. Oder, wenn die Eltern zu Grabe getragen werden, oder Verwandte und Freunde. Oder, wenn Hochzeiten, Taufen und dergleichen stattfinden. Die Zeit heilt zwar Wunden, aber die Narben in der Seele bleiben. Kein Chirurg kann sie wegschleifen. Sie bleiben bis zum Tod.“ (Zitat Siegfried Steger)

Österreichisches Polizeifoto von Siegfried Steger.
Österreichisches Polizeifoto von Siegfried Steger.

Dass ein alter, gesundheitlich schwer angeschlagener Mann bis zuletzt nicht in seine Heimat zurückkehren durfte, bewegt viele Menschen weit über parteipolitische Grenzen hinaus. Steger musste fern seiner Heimat sterben – fern der vertrauten Berge, fern der Gräber seiner Vorfahren, fern jener Orte, die sein Leben geprägt hatten. Nicht einmal das Grab seiner Mutter durfte er besuchen. „Es ist ein bedrückendes Zeichen, wenn in einem demokratischen Rechtsstaat die Humanität hinter formaljuristischen Argumenten zurücktritt. Dass Siegfried Steger in der Fremde die Augen schließen musste, bleibt ein dunkler Fleck in der lokalen Zeitgeschichte“, erklärt Lang.

Der Südtiroler Heimatbund sieht im Umgang mit den Exilanten der 1960er-Jahre eine bis heute nicht aufgearbeitete historische Wunde. Unabhängig von unterschiedlichen politischen Bewertungen bedürfe es eines ehrlichen, offenen und würdevollen Umgangs mit diesem Kapitel der Landesgeschichte.

Vor diesem Hintergrund richtet der Südtiroler Heimatbund einen eindringlichen Appell an die Südtiroler Landesregierung: Die Geschichte unseres Landes darf nicht verdrängt oder auf symbolische Gesten reduziert werden. Es braucht Mut zur historischen Einordnung, Sensibilität im Umgang mit Zeitzeugen und eine klare Haltung gegenüber jenen, die – aus ihrer Überzeugung heraus – für die Rechte Südtirols eingetreten sind.

Versöhnung entsteht nicht durch Schweigen, sondern durch Offenheit. Eine selbstbewusste Autonomie muss auch in der Lage sein, ihre konfliktreiche Vergangenheit anzusprechen, ohne Angst vor Kontroversen. Gerade im Sinne künftiger Generationen ist es notwendig, Geschichte nicht nur als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten, sondern als Auftrag zur verantwortungsvollen Gestaltung der Zukunft.

Siegfried Steger sprach sich Zeit seines Lebens gegen eine Begnadigung durch den italienischen Staat aus. Auch weil für viele Anschläge nicht die Freiheitskämpfer verantwortlich sind! Für ihn war die Frage der Selbstbestimmung Südtirols kein taktisches Instrument, sondern eine grundsätzliche Überzeugung. Er blieb seiner Haltung treu – auch dann, wenn dies persönliche Nachteile bedeutete.

„Wir werden Siegfried Steger ein ehrendes Andenken bewahren. Sein politisches Vermächtnis – der Einsatz für die Selbstbestimmung Südtirols – bleibt für uns Auftrag und Verpflichtung. Sein Leben mahnt uns, Freiheit und kulturelle Identität niemals als selbstverständlich zu betrachten“, betont Roland Lang abschließend.

Der Südtiroler Heimatbund spricht seiner Tochter Katharina, allen Angehörigen sowie seinen Freunden sein tief empfundenes Mitgefühl aus. Mit Siegfried Steger endet ein Lebensweg, der von Überzeugung, Opferbereitschaft und unerschütterlicher Heimatverbundenheit geprägt war. Sein Name wird im Gedächtnis vieler Südtiroler als Symbol für eine Generation bleiben, die in schwierigen Zeiten ihren eigenen, oft schmerzhaften Weg gegangen ist.

Roland Lang

Roland Lang
Obmann des Südtiroler Heimatbundes

Nachruf des ehemaligen Freiheitskämpfers Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung vom 21. 2. 2026:

Der aus Mühlen in Taufers stammende Südtiroler Freiheitskämpfer verabschiedete sich, fast auf den Tag genau. 216 Jahre nach dem Tod von Andreas Hofer, der sein Vorbild für ein freies, unabhängiges Tirol war, von uns. Wer war Herr Steger und was hat er für Tiroler geleistet? Siegfried Steger hat sich gemeinsam mit seinen ihm gut bekannten Freunden Josef Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter, welche als „Puschtra Buibm“ bekannt wurden, auf Betreiben des Nordtiroler Freiheitskämpfers Kurt Welser mit 22 Jahren dem Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) angeschlossen. Ursächlich waren die massiven Bemühungen Roms Südtirol mittels Unterwanderung gewaltsam zu italienisieren und der sogenannte „Pfunderer Prozess“ in welchen Südtiroler unter fraglichen Umständen verurteilt wurden sowie die Versammlung in Sigmundskron. Die Gruppe der „Puschtra Buibm“ war eine der erfolgreichsten, und aktivsten im Kampf gegen die, wie eine Kolonialmacht in Südtirol agierende,  italienische Besatzung. Trotz, dem Einsatz von bis zu 40.000 italienischen Uniformierten konnte keiner der „Puschtra Buibm“ während des Freiheitskampfes der 1960er Jahr festgenommen werden.

Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung (links) mit Siegfried Steger im Jahre 2006.
Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung (links) mit Siegfried Steger im Jahre 2006.

Zumeist agierte Steger mit seinen Kameraden im Ahrn- und Pustertal. Über das Ziller- bzw. Defereggental gelangten sie dorthin. Mehrmals habe ich sie dabei begleitet bzw. Material an vereinbarten Orten hinterlegt. So konnte die Gruppe um Steger mehrere Strommasten sprengen, italienische Unterschlüpfe zerstören und italienische Soldaten u.a. in deren Unterkünften angreifen. Im Fall der Verfolgung durch hunderte von  italienischen Soldaten fanden wiederholt Gefechte statt. Die Gruppe um Steger ist von der lokalen Tiroler Bevölkerung, welche der italienischen Armee jegliche Hilfe und Auskünfte verweigerte, stets unterstützt, versorgt und verpflegt worden. Die aus Propaganda verbreitete, bewusst falsche, italienische Behauptung, dass einer der Pusterer den italienischen Soldaten Vittorio Tiralongo erschossen hätte, ist inzwischen, widerlegt. Bis heute ist nicht nachgewiesen, wer der Täter war; es ist aber anzunehmen, dass es sich um inneritalienische, familiäre Differenzen handelte.

Auf Druck der Regierung in Rom, hat Österreich in beschämender Weise die seit der Feuernacht (1961) nach Österreich in das Exil geflüchteten Südtiroler Freiheitskämpfer in mannigfaltiger Weise, bis zu deren Freispruch durch Geschworenengerichte, verfolgt. So auch die „Puschtra Buibm“. Letztendlich wurde es u.a. mit Unterstützung des Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer gestattet, dass sich Siegfried Steger in Telfs niederlässt. Dort hat er sich mit Hilfe seiner Familie ein schönes Haus erbaut. Oft und regelmäßig, bis noch kurz vor seinem Tod, wurde er dort von Südtirolern aller Gesellschaftsschichten, Mitgliedern des Südtiroler Schützenbundes, mir und anderen Freiheitskämpfern besucht. Gemeinsame, friedliche Aktionen mit dem Ziel der Selbstbestimmung Südtirols wurden besprochen und mehrere Treffen der ehemaligen Freiheitskämpfer organisiert.

So wurde u.a. auf Stegers Initiative die sogenannte „Dornenkrone“ geschmiedet. Diese wurde von Südtiroler Freiheitskämpfern während des Landesfestumzuges von 1984 in Innsbruck unter dem Jubel der Bevölkerung mitgetragen. Gemeinsam mit Sepp Forer hat Steger das Buch „Puschtra Buibm“  verfasst; darin wird über all deren Aktivitäten berichtet.

Siegfried Steger (Bildmitte) mit Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung – im Bild rechts neben ihm – im Jahre 2006 vor dem Denkmal der Dornenkrone in Telfs.
Siegfried Steger (Bildmitte) mit Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung – im Bild rechts neben ihm – im Jahre 2006 vor dem Denkmal der Dornenkrone in Telfs.

Ob seiner vielseitigen Aktivitäten für Südtirol wurde Siegfried Steger in Abwesenheit, menschenrechtswidrig (trotz bekannten Aufenthaltes erhielt er nie eine Anklageschrift oder das Urteil) in Italien zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Seit Sommer 1961 lebte Steger im Exil (davon viele Jahre in Telfs im Oberinntal). Deshalb konnte er auch nicht an der Beerdigung seiner Eltern teilnehmen, was ihn besonders schmerzte. Eine ihm von verschiedener politischer Seite empfohlene Begnadigung hat er nicht beantragt, da er seinen Einsatz für die legitimen Rechte Südtirols stets als gerechtfertigt und legitim ansah. Österreich ist heute offensichtlich an einer Korrektur seiner vor Jahren gegen die Südtiroler Freiheitskämpfer erfolgten Verfolgungen und Benachteiligungen trotz „Streitbeilegungsregelung“ nicht interessiert. Eine vereinbarte Amnestie sämtlicher Freiheitskämpfer ist In Italien bis heute noch nicht erfolgt. Eine „biologische Lösung“, wie der Tod von Siegfried Steger, löst für die Politiker dieses unangenehme Problem. Obwohl die Verdienste der Südtiroler Freiheitskämpfer zur Erlangung der Autonomie belegt sind, wurde Steger weder vom Südtiroler Landtag noch von der Südtiroler Volkspartei (SVP) dafür öffentlich gedankt.