Siegfried Steger, ein Kämpfer für die Freiheit Südtirols hat uns verlassen
Bild: Lorenz Puff, Schützenkompanie Gries.
Am 21. Februar 2026 verstarb nach schwerem Leiden Siegfried Steger, ein tapferer Vorkämpfer für die Freiheit Südtirols.
Mehrere Nachrufe würdigten seine Tapferkeit und seine Leistungen.
Siegfried Steger
Bild links: Siegfried Steger schrieb seine Geschichte in einem Buch nieder. Bild Rechts: Die 4 „Puschtra Buibm“ in einem Bericht des „Domenica del Corriere“ vom 11. Juli 1967. Ganz links im Bild Siegfried Steger.
Nachruf des Südtiroler Schützenbundes vom 21. 2. 2026:
Der letzte der „Puschtra Buibm“ ist heimgegangen
TIROL – Mit tiefer Trauer und großer Dankbarkeit nimmt der Südtiroler Schützenbund Abschied von Freiheitskämpfer Siegfried Steger, dem „Puschtra Bui“. Mit ihm geht der letzte der vier „Puschtra Buibm“ – nach Sepp Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter schließt sich nun ein Kapitel Südtiroler Zeitgeschichte.
Siegfried Steger wurde am 24. Oktober 1939 in Mühlen in Taufers geboren – in eine Zeit, in der die Wunden von Option, Entrechtung und radikaler Italienisierung noch offen waren. Er gehörte zu jener Generation junger Südtiroler, die nicht bereit war, das Unrecht schweigend hinzunehmen. Mit 22 Jahren entschloss er sich, im Freiheitskampf für Tirol einzustehen – aus Überzeugung, aus Heimatliebe, aus dem Gefühl heraus, Verantwortung zu tragen.
Die „Puschtra Buibm“ in einem Höhlenversteck in Südtirol.
Gemeinsam mit Sepp Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter wurde er zu einem Symbol des Widerstandes jener Jahre. Die vier „Puschtra Buibm“ stehen bis heute für eine Generation, die unter großem persönlichem Risiko handelte. Sie wurden verfolgt, verurteilt, gebrandmarkt – und doch blieben sie ihrer Überzeugung treu.
Auf dem Landesfestzug im Jahre 1984 schritt Siegfried Steger vor der eisernen Dornenkrone, welche durch eine Weisung des Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer (ÖVP) im Festzug durch Innsbruck mitgeführt werden durfte.
In Innsbruck wurden die Forderungen nach Selbstbestimmung und Landeseinheit erhoben.
Siegfried Steger musste dafür einen Preis zahlen, den kaum jemand ermessen kann: lebenslanges Exil. Fern der Heimat, fern vom Pustertal, fern von seiner Familie. Besonders schmerzlich war für ihn, dass er nicht einmal an den Begräbnissen seiner Eltern teilnehmen durfte. Ein Sohn, dem es verwehrt blieb, Abschied zu nehmen – das ist eine Tragödie, die über jedes politische Urteil hinausgeht.
Mit seinem Tod verstummt die Stimme des letzten der vier. Was bleibt, ist ein Lebensweg, der geprägt war von Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und unerschütterlicher Verbundenheit mit Tirol.
Heute lebt Südtirol in Frieden und im Wohlstand. Doch der Weg dorthin war kein selbstverständlicher. Er war geprägt von Spannungen, Konflikten und vom Mut jener, die bereit waren, persönliche Opfer zu bringen. Die Geschichte wird über Methoden und Wege urteilen – aber sie wird nicht leugnen können, dass es Männer wie Siegfried Steger waren, die aus tiefem Verantwortungsgefühl für ihre Heimat handelten.
„Der Südtiroler Schützenbund verneigt sich in Dankbarkeit vor einem Landsmann, der sein Leben der Überzeugung widmete, dass Freiheit und Würde nicht verhandelbar sind. Siegfried Steger war der Letzte der Puschtra Buibm. Nun sind sie wieder vereint. Möge er in Frieden ruhen“, so Mjr. Christoph Schmid, Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes.
Nachruf des Südtiroler Heimatbundes (SHB) vom 21. 2. 2026:
SHB trauert um Siegfried Steger – Auch ihm blieb italienische Menschlichkeit versagt!
Mit tiefer Erschütterung und in ehrfürchtiger Dankbarkeit nimmt der Südtiroler Heimatbund Abschied von Siegfried Steger. Mit seinem Tod verliert Südtirol nicht nur einen unbeugsamen Vertreter der Freiheitsbewegung, sondern auch den letzten der vier sogenannten „Puschtra Buibm“, die in den 1960er-Jahren zu Symbolfiguren eines entschlossenen Widerstandes gegen staatliche Repression wurden.
„Mit Siegfried Steger ist eine Persönlichkeit von uns gegangen, die wie kaum eine andere für Standhaftigkeit, Opferbereitschaft und kompromisslose Treue zur Südtiroler Heimat stand. Sei
Siegfried Steger wurde 1939 in Mühlen in Taufers geboren. Aufgewachsen in einer Zeit politischer Spannungen und kultureller Bedrängnis, erlebte er früh die Folgen einer Politik, die von vielen Südtirolern als Missachtung ihrer Identität und Rechte empfunden wurde. Diese Erfahrungen prägten sein Denken und Handeln nachhaltig. Gemeinsam mit Sepp Forer, Heinrich Oberleiter und Heinrich Oberlechner wurde Steger in den 1960er-Jahren durch Aktionen gegen staatliche Symbole bekannt. Diese Aktionen standen im Kontext der damaligen politischen Situation, die von massiven Spannungen zwischen Staat und Südtiroler Bevölkerung geprägt war. Der Südtiroler Heimatbund betont, dass diese Taten im historischen Zusammenhang einer völkerrechtswidrigen Unterdrückungspolitik gegenüber der deutschen und ladinischen Volksgruppe zu betrachten sind. Es war die Notwehr eines Volkes.
Was folgte, war ein jahrzehntelanges Leben im Exil. Steger verbrachte den Großteil seines Lebens in Telfs. Trotz fortschreitenden Alters und schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen blieb ihm die Rückkehr in seine Heimat verwehrt. Die italienische Justiz hielt an Urteilen fest, die für viele Südtiroler bis heute ein schmerzhaftes Relikt einer konfliktreichen Vergangenheit darstellen. „Siegfried Steger war ein Mann mit klarer Haltung. Er hat das Exil getragen wie ein inneres Gelöbnis – in Würde, ohne Bitterkeit, aber mit unerschütterlicher Überzeugung.
„Für mich ist es sicher eine große Belastung, im Exil leben zu müssen, ohne die Hoffnung, die geliebte Heimat wieder einmal sehen zu können. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht an die Heimat denkt. Besonders zu Weihnachten und an bestimmten Feiertagen schmerzt die Seele. Oder, wenn die Eltern zu Grabe getragen werden, oder Verwandte und Freunde. Oder, wenn Hochzeiten, Taufen und dergleichen stattfinden. Die Zeit heilt zwar Wunden, aber die Narben in der Seele bleiben. Kein Chirurg kann sie wegschleifen. Sie bleiben bis zum Tod.“ (Zitat Siegfried Steger)
Österreichisches Polizeifoto von Siegfried Steger.
Dass ein alter, gesundheitlich schwer angeschlagener Mann bis zuletzt nicht in seine Heimat zurückkehren durfte, bewegt viele Menschen weit über parteipolitische Grenzen hinaus. Steger musste fern seiner Heimat sterben – fern der vertrauten Berge, fern der Gräber seiner Vorfahren, fern jener Orte, die sein Leben geprägt hatten. Nicht einmal das Grab seiner Mutter durfte er besuchen. „Es ist ein bedrückendes Zeichen, wenn in einem demokratischen Rechtsstaat die Humanität hinter formaljuristischen Argumenten zurücktritt. Dass Siegfried Steger in der Fremde die Augen schließen musste, bleibt ein dunkler Fleck in der lokalen Zeitgeschichte“, erklärt Lang.
Der Südtiroler Heimatbund sieht im Umgang mit den Exilanten der 1960er-Jahre eine bis heute nicht aufgearbeitete historische Wunde. Unabhängig von unterschiedlichen politischen Bewertungen bedürfe es eines ehrlichen, offenen und würdevollen Umgangs mit diesem Kapitel der Landesgeschichte.
Vor diesem Hintergrund richtet der Südtiroler Heimatbund einen eindringlichen Appell an die Südtiroler Landesregierung: Die Geschichte unseres Landes darf nicht verdrängt oder auf symbolische Gesten reduziert werden. Es braucht Mut zur historischen Einordnung, Sensibilität im Umgang mit Zeitzeugen und eine klare Haltung gegenüber jenen, die – aus ihrer Überzeugung heraus – für die Rechte Südtirols eingetreten sind.
Versöhnung entsteht nicht durch Schweigen, sondern durch Offenheit. Eine selbstbewusste Autonomie muss auch in der Lage sein, ihre konfliktreiche Vergangenheit anzusprechen, ohne Angst vor Kontroversen. Gerade im Sinne künftiger Generationen ist es notwendig, Geschichte nicht nur als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten, sondern als Auftrag zur verantwortungsvollen Gestaltung der Zukunft.
Siegfried Steger sprach sich Zeit seines Lebens gegen eine Begnadigung durch den italienischen Staat aus. Auch weil für viele Anschläge nicht die Freiheitskämpfer verantwortlich sind! Für ihn war die Frage der Selbstbestimmung Südtirols kein taktisches Instrument, sondern eine grundsätzliche Überzeugung. Er blieb seiner Haltung treu – auch dann, wenn dies persönliche Nachteile bedeutete.
„Wir werden Siegfried Steger ein ehrendes Andenken bewahren. Sein politisches Vermächtnis – der Einsatz für die Selbstbestimmung Südtirols – bleibt für uns Auftrag und Verpflichtung. Sein Leben mahnt uns, Freiheit und kulturelle Identität niemals als selbstverständlich zu betrachten“, betont Roland Lang abschließend.
Der Südtiroler Heimatbund spricht seiner Tochter Katharina, allen Angehörigen sowie seinen Freunden sein tief empfundenes Mitgefühl aus. Mit Siegfried Steger endet ein Lebensweg, der von Überzeugung, Opferbereitschaft und unerschütterlicher Heimatverbundenheit geprägt war. Sein Name wird im Gedächtnis vieler Südtiroler als Symbol für eine Generation bleiben, die in schwierigen Zeiten ihren eigenen, oft schmerzhaften Weg gegangen ist.
Roland Lang Obmann des Südtiroler Heimatbundes
Nachruf des ehemaligen Freiheitskämpfers Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung vom 21. 2. 2026:
Der aus Mühlen in Taufers stammende Südtiroler Freiheitskämpfer verabschiedete sich, fast auf den Tag genau. 216 Jahre nach dem Tod von Andreas Hofer, der sein Vorbild für ein freies, unabhängiges Tirol war, von uns. Wer war Herr Steger und was hat er für Tiroler geleistet? Siegfried Steger hat sich gemeinsam mit seinen ihm gut bekannten Freunden Josef Forer, Heinrich Oberlechner und Heinrich Oberleiter, welche als „Puschtra Buibm“ bekannt wurden, auf Betreiben des Nordtiroler Freiheitskämpfers Kurt Welser mit 22 Jahren dem Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) angeschlossen. Ursächlich waren die massiven Bemühungen Roms Südtirol mittels Unterwanderung gewaltsam zu italienisieren und der sogenannte „Pfunderer Prozess“ in welchen Südtiroler unter fraglichen Umständen verurteilt wurden sowie die Versammlung in Sigmundskron. Die Gruppe der „Puschtra Buibm“ war eine der erfolgreichsten, und aktivsten im Kampf gegen die, wie eine Kolonialmacht in Südtirol agierende, italienische Besatzung. Trotz, dem Einsatz von bis zu 40.000 italienischen Uniformierten konnte keiner der „Puschtra Buibm“ während des Freiheitskampfes der 1960er Jahr festgenommen werden.
Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung (links) mit Siegfried Steger im Jahre 2006.
Zumeist agierte Steger mit seinen Kameraden im Ahrn- und Pustertal. Über das Ziller- bzw. Defereggental gelangten sie dorthin. Mehrmals habe ich sie dabei begleitet bzw. Material an vereinbarten Orten hinterlegt. So konnte die Gruppe um Steger mehrere Strommasten sprengen, italienische Unterschlüpfe zerstören und italienische Soldaten u.a. in deren Unterkünften angreifen. Im Fall der Verfolgung durch hunderte von italienischen Soldaten fanden wiederholt Gefechte statt. Die Gruppe um Steger ist von der lokalen Tiroler Bevölkerung, welche der italienischen Armee jegliche Hilfe und Auskünfte verweigerte, stets unterstützt, versorgt und verpflegt worden. Die aus Propaganda verbreitete, bewusst falsche, italienische Behauptung, dass einer der Pusterer den italienischen Soldaten Vittorio Tiralongo erschossen hätte, ist inzwischen, widerlegt. Bis heute ist nicht nachgewiesen, wer der Täter war; es ist aber anzunehmen, dass es sich um inneritalienische, familiäre Differenzen handelte.
Auf Druck der Regierung in Rom, hat Österreich in beschämender Weise die seit der Feuernacht (1961) nach Österreich in das Exil geflüchteten Südtiroler Freiheitskämpfer in mannigfaltiger Weise, bis zu deren Freispruch durch Geschworenengerichte, verfolgt. So auch die „Puschtra Buibm“. Letztendlich wurde es u.a. mit Unterstützung des Tiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer gestattet, dass sich Siegfried Steger in Telfs niederlässt. Dort hat er sich mit Hilfe seiner Familie ein schönes Haus erbaut. Oft und regelmäßig, bis noch kurz vor seinem Tod, wurde er dort von Südtirolern aller Gesellschaftsschichten, Mitgliedern des Südtiroler Schützenbundes, mir und anderen Freiheitskämpfern besucht. Gemeinsame, friedliche Aktionen mit dem Ziel der Selbstbestimmung Südtirols wurden besprochen und mehrere Treffen der ehemaligen Freiheitskämpfer organisiert.
So wurde u.a. auf Stegers Initiative die sogenannte „Dornenkrone“ geschmiedet. Diese wurde von Südtiroler Freiheitskämpfern während des Landesfestumzuges von 1984 in Innsbruck unter dem Jubel der Bevölkerung mitgetragen. Gemeinsam mit Sepp Forer hat Steger das Buch „Puschtra Buibm“ verfasst; darin wird über all deren Aktivitäten berichtet.
Siegfried Steger (Bildmitte) mit Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung – im Bild rechts neben ihm – im Jahre 2006 vor dem Denkmal der Dornenkrone in Telfs.
Ob seiner vielseitigen Aktivitäten für Südtirol wurde Siegfried Steger in Abwesenheit, menschenrechtswidrig (trotz bekannten Aufenthaltes erhielt er nie eine Anklageschrift oder das Urteil) in Italien zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Seit Sommer 1961 lebte Steger im Exil (davon viele Jahre in Telfs im Oberinntal). Deshalb konnte er auch nicht an der Beerdigung seiner Eltern teilnehmen, was ihn besonders schmerzte. Eine ihm von verschiedener politischer Seite empfohlene Begnadigung hat er nicht beantragt, da er seinen Einsatz für die legitimen Rechte Südtirols stets als gerechtfertigt und legitim ansah. Österreich ist heute offensichtlich an einer Korrektur seiner vor Jahren gegen die Südtiroler Freiheitskämpfer erfolgten Verfolgungen und Benachteiligungen trotz „Streitbeilegungsregelung“ nicht interessiert. Eine vereinbarte Amnestie sämtlicher Freiheitskämpfer ist In Italien bis heute noch nicht erfolgt. Eine „biologische Lösung“, wie der Tod von Siegfried Steger, löst für die Politiker dieses unangenehme Problem. Obwohl die Verdienste der Südtiroler Freiheitskämpfer zur Erlangung der Autonomie belegt sind, wurde Steger weder vom Südtiroler Landtag noch von der Südtiroler Volkspartei (SVP) dafür öffentlich gedankt.
50. Todestag: Gedenken an einen unvergesslichen Freiheitskämpfer
Plakat des Südtiroler Heimatbundes (SHB) zum Gedenken an Georg Klotz
Nachruf von Roland Lang, Obmann des Südtiroler Heimatbundes (SHB)
Am 11. September 1919 wurde Georg Klotz in Walten im Passeiertal geboren. Wie es der Zufall der Geschichte ist, wurde am Tag zuvor in der französischen Hauptstadt Paris mit dem Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye das Los Südtirols besiegelt. So wusste der Passeirer von klein auf, was seine Lebensaufgabe ist.
Schon als Kind und Jugendlicher lernte er die brutale Gewaltherrschaft des Faschismus und die Italianisierungsversuche kennen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Klotz als Unteroffizier der Deutschen Wehrmacht in Norwegen, am Eismeer und in Russland.
Der Gebirgsjäger Georg Klotz
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft musste er ein zweites Mal feststellen, dass seine Heimat Südtirol erneut Italien zugeschanzt wurde.
Da das demokratische Italien die Rechte der Südtiroler, denen eine Autonomie zugesichert wurde, weiterhin aushöhlte, schloss sich Klotz, der sich inzwischen dem Wiederaufbau des Südtiroler Schützenwesens widmete, dem Befreiungsausschuss Südtirol um Sepp Kerschbaumer an.
Der Schützenoffizier Georg Klotz im Jahre 1958.
An der Feuernacht nahm er nicht selbst aktiv teil. Klotz flüchtete ins Vaterland Österreich und entzog sich einer Verhaftung durch die italienischen Behörden. Gemeinsam mit seinem Freund Luis Amplatz führte er den Widerstand von Österreich weiter.
Gesprengter Mast im Passeier. (Bild aus einer italienischen Tageszeitung)
Jagd auf Georg Klotz im Passeier im Jahre 1964. (Bild aus einer italienischen Tageszeitung)
Da man Klotz, zur damaligen Zeit als „Staatsfeind Nr. 1“ deklariert, nicht habhaft werden konnte, beschloss der italienische Geheimdienst, ihn umzubringen.
Georg Klotz mit seinem Freund und Mitkämpfer Luis Amplatz
Am 7. September 1964 befanden sich Klotz und Amplatz auf einer Heuhütte in Saltaus. Mit ihnen war auch der Österreicher Christian Kerbler von der Partie. Letzterer erwies sich als hinterlistiger Agent und Meuchelmörder. Mitten im Schlaf erschoss er Amplatz und verwundete Klotz schwer. Der Passeirer schleppte sich über die Grenze. Eine Operation im Krankenhaus rettete ihm das Leben.
Die Ehefrau Rosa besuchte zusammen mit ihren Kindern ihren Mann im österreichischen Exil.
Am 25. Jänner 1976 verstarb Georg Klotz in österreichischen Exil. Die Erben von Jörg Klotz gehen unbeirrt den Weg der Freiheit weiter. Allen voran kann seine Tochter Eva namentlich angeführt werden, die über dreieinhalb Jahrzehnte im Südtiroler Landtag saß und sich stets für die Selbstbestimmung Südtirols einsetzte und weiterhin einsetzt. Denn die sinnvolle Bemerkung des Vaters, wonach der Himmel und das Heimatland keine Halben verdienen, ist aktueller denn je. Es ist demnach nicht verkehrt, sich diesen Kerngedanken zu Herzen zu nehmen und für die Freiheit Südtirols mit demokratischen Mitteln zu kämpfen und positiv nach vorne zu blicken.
Die Tochter Eva Klotz hat eine Biografie ihres Vaters verfasst. (Molden Verlag Wien, 3. Auflage 2002. ISBN 3-85485-083-2)
Wir gedenken des unvergesslichen Freiheitskämpfers und treten für ein vereinigtes Tirol ein.
Roland Lang Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB)
(Bilder: Archiv des SHB)
Die Gedenkfeier des Südtiroler Schützenbundes
Internetseite des Südtiroler Schützenbundes.
Am 26. Jänner 2026 versammelten sich in St. Leonhard im Passeier Schützen und Marketenderinnen aus allen Teilen Tirols, um gemeinsam mit dem Schützenbataillon Passeier unter dem Gesamtkommando von Bataillonskommandant Artur Oberprantacher des 50. Todestages von Major Georg „Jörg“ Klotz zu gedenken.
Der Gottesdienst. (Bild: SSB)
In der Pfarrkirche zum heiligen Leonhard wurde der feierliche Gottesdienst vom Prior des Deutschen Ordens, P. Christian Stuefer, zelebriert.
Gudrun Kofler bei ihrer Ansprache. (Bild: SSB)
Im Anschluss daran hielt die freiheitliche Abgeordnete zum Nordtiroler Landtag, Gudrun Kofler, eine Enkelin von Jörg Klotz, nachstehende vielbeachtete Gedenkrede:
„Ein Toter kehrt heim. Schweigend treten wir an den Saum seines Weges, der einst sein Fluchtweg war, vor gedungenem Verrat. Und vorher des Lebens, des Kampfes Bahn. Allein in den Wäldern trat ihm der Tod in den Weg. Und wir verstummen, die niemals genug geliebt, nicht bis ans Ende.
Hohe Geistlichkeit,
liebe Schützen und Marketenderinnen,
liebe Familie,
Tiroler Landsleute!
Beim Betrachten alter Familienfotos bin ich auf ein Erinnerungskärtchen für Jörg Klotz mit diesem Gedicht von Gabriele von Pidoll gestoßen und wusste schon beim ersten Lesen – damit würde ich meine Gedenkrede beginnen. Obwohl nur aus wenigen Zeilen bestehend, beschreibt es auf eindrückliche Weise sein Leben und vor allem sein Sterben.
Er teilte im Leben das Schicksal vieler seiner Landsleute und auch im Sterben jenes einiger seiner Kameraden. „Ein Toter kehrt heim“. Verbannt aus seiner Heimat, musste er erst sterben, bevor er wieder in diese zurückkehren durfte.
Am 31. Jänner 1976 wurde Georg Klotz hier an diesem Ort, zu Grabe getragen. Es war ein verschneiter Wintertag, wie heute, und obwohl von verschiedenen Seiten aus politischen Gründen versucht wurde, eine Teilnahme an seiner Überstellung und Beerdigung zu verhindern, fanden unzählige Landsleute und Schützen aus Nah und Fern den Weg hierher und folgten als nicht enden wollender Trauerzug dem blumen- und mit Tiroler Fahnen geschmückten Sarg, der erst wenige Tage zuvor unter strengster Polizeiaufsicht die Unrechtsgrenze am Brenner passiert hatte.
Der Trauerzug im Jahre 1976. (Bild: Gerald Danner)
„Ein Toter kehrt heim“.
Heute – 50 Jahre später – stehen wir hier an ebendiesem Ort. Ein Ort der Stille und der Erinnerung und erfüllt von so viel Geschichte. Erfüllt vom Leben, vom Leiden, vom Mut und der unerschütterlichen Überzeugung eines Mannes, dessen Name untrennbar mit dem Freiheitswillen unseres Landes verbunden ist.
Ich habe heute eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Fünfzig Jahre nach seinem Tod darf ich als seine Enkelin hier zu ihm und über ihn sprechen. Sein Andenken in Worte zu fassen und meine Gedanken beizutragen, ist eine große Ehre und erfüllt mich mit Rührung und Stolz zugleich.
Stilles Gedenken an der Grabstätte. (Bild: SSB)
Leider war es mir nicht vergönnt, ihn persönlich kennenlernen zu dürfen. Ich habe nie seine Stimme gehört, ihm nie in die Augen geschaut, nie seine Pfeife gerochen, die er mit Leidenschaft geraucht hat und kann nur erahnen, was er uns Enkeln wohl alles zu erzählen gehabt hätte.
Aber: er ist nichtsdestotrotz fester Bestandteil meines Lebens und war das schon in meiner Kindheit. Viele meiner ersten Erinnerungen sind geprägt von Erzählungen über ihn, von Gesprächen in der Familie, von Anekdoten, von dem, wer er war und wofür er stand. Bei den gemeinsamen Familienurlauben in seinem Heimathaus in Walten erinnerte alles an ihn. Wir bestaunten als Kinder die Bilder und Andenken und die Urkunden, die er für seine Verdienste um das Schützenwesen verliehen bekommen hatte und verbrachten etliche Stunden in eben jener Stube, in der er mit seiner Frau und seinen Kindern auch gesessen hatte.
Er war nie einfach „nur Vergangenheit“. Er war immer da.
Jörg Klotz wuchs in einer Zeit auf, in der unsere Heimat systematisch entrechtet, unsere Sprache verboten, unsere Herkunft verleugnet und unser Volkstum bekämpft wurde. Er lebte in einer Zeit, in der man sich entscheiden musste: Die Unterjochung unter einen fremden Staat zulassen, sich anpassen oder Haltung zeigen.
Er hat sich für Letzteres entschieden. Er hat für die Freiheit gekämpft. Mit aller Konsequenz.
Er wurde verfolgt, verurteilt, von Italien zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und entging nur knapp einem feigen Mordanschlag, bei dem er seinen Kameraden Luis Amplatz verlor und schwer verwundet zu Fuß die Flucht über die Berge nach Nordtirol antreten musste. Er wurde gezwungen, das zu verlassen, was ihm lieb und teuer war: seine Heimat und seine Familie.
Das Exil war wohl das schwerste Opfer seines Lebens. Ein Leben unter ständiger Beobachtung, zur Zurückhaltung und zum Abwarten verdammt und wohl ahnend, dass er nicht so schnell zurückkommen können würde.
Er sollte recht behalten. Er kam nicht mehr lebend zurück.
Georg Klotz bei seiner Ankunft am 14 Juli 1967 im Exil in Wien. (Bild: Archiv Südtiroler Heimatbund – SHB)
Doch Erinnerung ist Nähe.
Es gibt dieses Lied von STS, das wohl jeder von uns kennt und das mich immer an ihn erinnert. Obwohl wir uns nie kennenlernen durften, uns nie gegenübergesessen sind, fehlt er.
Und ich wünschte mir zuweilen auch, er würde einfach kurz „orkemmen auf an schnelln Kaffee“.
Gerade dann, wenn Entscheidungen anstehen oder der Weg einmal mühsam oder schwer wird.
Denn eines weiß ich ganz sicher:
Ich wäre heute nicht die, die ich bin und dort, wo ich stehe, wenn es ihn und diese Geschichte nicht gegeben hätte. Wenn diese Vorbilder – und da gehört er unweigerlich dazu – mit ihrem Mut, ihren Opfern und ihrem unbeugsamen Willen mich nicht geprägt hätten.
Er hat vorgelebt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Er hat gezeigt, dass es niemals eine Option ist, Unrecht und den Ausverkauf der Heimat hinzunehmen.
Darin liegt sein Vermächtnis. Und es ist mir ein Anliegen, mit allem, was ich heute beitragen kann, fortzuführen, was ihm wichtig war und am Herzen lag.
Mit anderen Mitteln als damals, aber mit derselben Klarheit und mit demselben Ziel.
Im Einsatz für unsere Sprache. Unsere Kultur. Unser Volkstum. Für unsere Identität.
Wir leben in einer Zeit, in der wieder versucht wird, Sprache zu relativieren, Identität zu verwässern und Heimat beliebig zu machen. In der uns eingeredet wird, dass alles Fremde eine Bereicherung ist, während alles Eigene abgewertet wird.
Wir erleben gerade erneut, dass hart erkämpfte Minderheitenrechte in unserem Land wieder zur Verhandlungsmasse werden. Willfährig verscherbelt von jenen, die sich selbst als Volksvertreter bezeichnen.
Und von uns wird erwartet, gehorsam und dankbar zu sein.
Der Erhalt unserer Sprache und des muttersprachlichen Unterrichts ist nicht verhandelbar und unsere Lebensart und unser Volkstum sind kein Relikt.
Gerade deshalb ist Erinnerung kein Selbstzweck. Gedenkfeiern wie diese sind kein bloßes Ritual. Sie sind Auftrag.
Liebe Landsleute! Der Freiheitskampf von damals ist Geschichte.
Aber das worum gekämpft wurde, nicht. Freiheit ist hochaktuell!
Damals wie heute braucht es Menschen mit Haltung.
Menschen, die nicht schweigen, wenn Sprache verdrängt wird, wenn Identität relativiert wird. Wenn Heimat beliebig gemacht werden soll.
Menschen, wie ihr, die ihr hier seid, um Jörg Klotz eure Ehre zu erweisen und seiner zu gedenken, aber die ihr auch hier seid, weil euch das, wofür er und seine Kameraden standen, etwas bedeutet! Weil ihr wisst, woher ihr kommt und bereit seid, dafür einzustehen.
Georg Klotz 1965 auf in Wien in dem Festumzug anlässlich der Andreas-Hofer Feier. (Bild: Archiv SHB)
Ich bin überzeugt:
Wenn die Freiheitskämpfer der 1950er- und 60er-Jahre sehen könnten, wie sehr wir ihren Einsatz in Ehren halten, wie inspirierend sie heute noch für uns und unser Tun sind und welche Wellen ihr Einsatz und ihr Mut noch immer schlagen, wären sie sehr hoffnungsvoll und stolz.
Stolz darauf, dass ihr den Weg weitergeht. Dass ihr dieses wertvolle Erbe nicht nur verwaltet, sondern lebt und schützt.
Dass ihr zeigt: Der Einsatz für Tirol, für Sprache, Identität und Volkstum ist kein Blick zurück, sondern ein sehr zukunftsweisender Schritt nach vorne.
Das Grabmal von Georg Klotz. (Bild: SSB)
Lieber Opa,
einiges von dem, was du dir vorgenommen hattest, ist nicht geglückt. Aber sehr vieles schon. Und du hast vorgelebt, wie es geht.
Dein Name und dein Tun verpflichten. Dein Weg wirkt weiter.
Und dein Vermächtnis lebt. In uns, in unserem Handeln und in unserem klaren Bekenntnis zu dieser Heimat.
Wir tragen es weiter. Mit Stolz. Mit Verantwortung. Und mit dem festen Willen, das zu bewahren, wofür du gelebt, gelitten und gekämpft hast.
Möge dir die Heimaterde leicht sein!
Alles für Tirol!“
Abschied von dem ehemaligen Freiheitskämpfer Claudius Molling
Claudius Molling wurde 1933 geboren und entstammte einer Familie mit engen historischen Bezügen zu Südtirol. Sein Großvater stammte aus Campill im Gadertal und übersiedelte nach Nordtirol. Seine Mutter wurde in Brixen als Tochter des Brauherrn Hugo Seidner geboren. Durch ihre Heirat mit dem Offizier Alois Molling kam sie nach Innsbruck. Alois Molling, der Vater von Claudius, diente im Ersten Weltkrieg als Offizier bei den Tiroler Kaiserschützen, bis er schwer verwundet wurde. 1945 zog er als Mandatar in den Tiroler Landtag ein.
Sein Sohn Claudius Molling war als akademischer Bildhauer, Maler und Restaurator tätig. Über den künstlerischen Bereich hinaus prägte ihn jedoch vor allem sein politisches Engagement.
Roland Lang, Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ berichtet:
Es erreicht uns die traurige Nachricht, dass der 1933 geborene ehemalige Freiheitskämpfer Claudius Molling am 31. Dezember 1925 im Alter von 92 Jahren in Innsbruck verstorben ist. Unser Beileid gilt seiner Frau Herlinde.
Von links nach rechts: Der ehemalige Freiheitskämpfer Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung, Claudius Molling, Dr. Herlinde Molling.
Der berühmte verstorbene akademische Bildhauer, Maler und Restaurator hatte zusammen mit seiner Frau an der Planung und Vorbereitung der „Feuernacht“ von 1961 mitgewirkt, in welcher zahlreiche Hochspannungsmasten in Südtirol als Protest gegen die Fortsetzung der faschistischen Unterdrückungspolitik gesprengt worden waren.
Darüber hat seine Frau Herlinde dokumentarisch in einem Buch berichtet.
Das Ehepaar Molling hatte in zahlreichen Fahrten nach Südtirol in ihrem Auto erhebliche Mengen Sprengstoff über die Grenze geschmuggelt. Das war ein sehr mutiges Unterfangen gewesen in einer Zeit, in welcher die Carabinieri gefangene Südtiroler Freiheitskämpfer unbarmherzig folterten.
Dieses Bild hatte der Freiheitskämpfer Kurt Welser aufgenommen und zeigt Herlinde Molling mit ihrem Auto in der Gegend von Mühlbach in Südtirol, die einen Sack voll Sprengstoff nach Südtirol geschmuggelt hatte. (Bild: Ausstellung „BAS Opfer für die Freiheit“ in Bozen)
Einer der vielen in Südtirol gesprengten Hochspannungsmasten. (Bild: Archiv)
Claudius Molling hatte zusammen mit seiner Frau auch an dem Betrieb des geheimen Untergrundsenders „Radio Freies Tirol“ mitgewirkt, welcher für das Recht der Südtiroler auf Selbstbestimmung eintrat.
Bis zu seinem Tod hat sich der Verstorbene zu der Forderung nach Selbstbestimmung bekannt, von welcher nicht abgewichen werden dürfe.
Roland Lang
Obmann des „Südtiroler Heimatbunds“ (SHB)
Der ehemalige Freiheitskämpfer Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung erinnert sich:
Der aus allen Tiroler Landesteilen abstammende, in Innsbruck geborene und dort lebende, sehr bekannte Bildhauer, Restaurator Claudius Molling war zu Beginn der 1960er Jahre einer der aktivsten Südtiroler Freiheitskämpfer in Österreich. Er organisierte gemeinsam mit seinen Kameraden Prof. Dr. Helmut Heuberger, Dr. Heinrich Klier und Kurt Welser reichlich Sprengstoff. Diesen transportierte er über Jahre gemeinsam mit seiner Frau Herlinde unbehelligt in seinem Auto nach Südtirol, wo er selbst an zwei Sprengungen von Strommasten beteiligt war. Ob seinen sehr bedachten, gut organisierten Aktivitäten ist er weder in Österreich noch in Italien vor Gericht gestellt worden. Stets unterstützte er den Südtiroler Freiheitskampf und pflegte guten Kontakt zu Georg Klotz, Kurt Welser und Dr. Helmut Heuberger.
Von links nach rechts: Dr. Helmut Heuberger, Dr. Heinrich Klier, Kurt Welser, Georg Klotz
Die „Pusterer Buabn“ Siegfried Steger, Heinrich Oberleiter, Heinrich Oberlechner und Sepp Forer. (Bild aus „Domenica del Corriere“ vom 11. Juli 1967)
Claudius Molling unterstützte die nach Österreich geflüchteten und auch dort polizeilich gesuchten Pusterer Buabn, denen er zeitweise im eigenen Haus in Hötting Quartier bot.
Die gegen den Wunsch und Willen der Bevölkerung sowie entgegen dem international garantiertem Recht auf Selbstbestimmung auf Anordnung Roms mit bis zu 40.000 italienische Soldaten erfolgte koloniale Besetzung Südtirols kritisierte er während seines gesamten Leben. Die seit 1961 erfolgten, schweren Folterungen von inhaftierten Südtiroler Freiheitskämpfern durch Carabinieri, welche ungesühnt blieben, und die Ermordung von Luis Amplatz durch einen gekauften Kriminellen, erschütterten Claudius Molling ebenso, wie die politische Verfolgung der für Südtirol tätigen Aktivisten in Italien und in seinem Vaterland Österreich. Gemeinsam mit seiner Frau Herlinde hat er mit Historikern, Politikern und Südtirol-Aktivisten in Bozen (Unter den Lauben) eine permanente Ausstellung über die 1960er Jahre mitorganisiert um die Wahrheit der Südtiroler Zeitgeschichte allgemein, auch für Italiener, die darüber zum guten Teil nicht informiert sind, zugänglich zu machen. Diese Ausstellung wird mehrsprachig derzeit räumlich und zeitlich, bis auf den Tiroler Freiheitskampf unter Andreas Hofer (1809) erweitert. (Ausstellung„BAS Opfer für die Freiheit“, Lauben 9, I-39100 Bozen. Di. – Fr. 10–12 Uhr und 15–17 Uhr, Sa. 10–12 Uhr)
Am 14. April 2012 hatte das Ehepaar Molling in Bozen an dem „Freiheitsmarsch“ des „Südtiroler Schützenbundes“ teilgenommen. Dieses Bild zeigt sie inmitten der Schützen.
Gedenken an Freiheitskämpfer Sepp Kerschbaumer
Der legendäre Freiheitskämpfer Sepp Kerschbaumer aus Frangart, der Begründer des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS), starb am 7. Dezember 1964 im Alter von 51 Jahren im Gefängnis von Verona den Herztod, für den wohl die vorher erlittene Folter mit ursächlich gewesen war.
Die Tiroler Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler und der österreichische Nationalratsabgeordnete und FPÖ-Südtirolsprecher Christofer Ranzmaier
Am 8. Dezember 2025 fand eine große Gedenkfeier in St. Pauls in Südtirol statt, über welche die freiheitliche Tiroler Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler und der österreichische Nationalratsabgeordnete und FPÖ-Südtirolsprecher Christofer Ranzmaier wie folgt berichten:
Sepp-Kerschbaumer-Gedenkfeier 2025
Sepp Kerschbaumer (Bild von R. Comploier)
In Innsbruck – aber auch in weiteren Tiroler Ortschaften wie Lienz und Eppan – wurde eine Straße nach dem BAS-Aktivisten Sepp Kerschbaumer in Anerkennung seines Einsatzes für Südtirol benannt.
„Keine Freiheit ohne Recht“
PAULS – Am Montag, den 8. Dezember 2025, versammelten sich – wie jedes Jahr – über 2.000 Schützen, Marketenderinnen, Tiroler Landsleute sowie Freunde Tirols aus dem gesamten deutschen Sprachraum in St. Pauls, um anlässlich des Todestages von Sepp Kerschbaumer all jenen Freiheitskämpfern zu gedenken, die sich in den 1950er- und 1960er-Jahren für ihre Heimat Südtirol und die Freiheit derselben eingesetzt haben. Die würdige Feier stand ganz im Zeichen von Freiheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Heimatverbundenheit – Werte, für die auch Kerschbaumer und seine Mitstreiter unter Einsatz ihres Lebens eingetreten waren.
Die große Beteiligung zeigte eindrucksvoll, dass sein Vermächtnis und das dieser Generation bis heute weiterlebt. Denn viele Menschen verfolgen die aktuellen politischen Entwicklungen mit Sorge, aber auch mit Verantwortungsbewusstsein.
Frontabschreitung, Einmarsch und Heilige Messfeier
Schützen aus dem Passeiertal
Die Feierlichkeiten begannen mit der Meldung der angetretenen Formationen und der anschließenden Frontabschreitung durch Bürgermeister Lorenz Ebner, die Landeskommandanten Mjr. Christoph Schmid, Mjr. Thomas Saurer und Mjr. Umberto Facchinelli sowie der Obmann des Südtiroler Heimatbundes, Roland Lang. Die Musikkapelle St. Pauls führte die Formationen anschließend zum Gottesdienst im „Dom am Lande“.
Die Bundesleitung des „Südtiroler Schützenbundes“ (SSB) und die Ehrengäste beim Einmarsch in die Pfarrkirche
Die Hl. Messe im „Dom auf dem Lande“, zelebriert von Pater Reinald Romaner
Pater Reinald Romaner
Pater Reinald Romaner hob in seiner Predigt die Vorbildwirkung Sepp Kerschbaumers hervor, dessen Haltung und Opfermut bis heute Orientierung gebe. Kerschbaumers Verwurzelung im christlichen Glauben, seine Standhaftigkeit gegenüber staatlicher Willkür und seinen Opfermut für Volk, Heimat und Würde würden uns auch heute leiten.
Gedenkfeier am Friedhof – Gegenwart braucht Wahrheit
Nach dem Gottesdienst marschierten die Teilnehmer zum Friedhof, wo der Obmann des Südtiroler Heimatbundes Roland Lang in seiner Rede den Bogen von der historischen Verantwortung zur aktuellen politischen Lage Südtirols spannte.
Roland Lang bei seiner Ansprache
Lang kritisierte die Autonomiereform, das Festhalten an kolonialistischen Ortsnamenerfindungen sowie die mangelnde Bereitschaft der Landespolitik, historische Zusammenhänge offen und klar zu benennen. Gerade in einer Zeit der Schnelllebigkeit, wo Vergangenes schnell in Vergessenheit gerät und in der Kompetenzen schleichend ausgehöhlt würden, brauche es eine Politik mit Rückgrat. Infolgedessen verwies Lang auf das Sprachbarometer, das zeige, dass innerhalb der italienischsprachigen Bevölkerung ein Umdenken einsetzen würde. In seinen Augen könne dies bei ehrlicher Auseinandersetzung ein Schritt hin zu einem respektvollen Zusammenleben auf Augenhöhe sein.
„Keine Freiheit ohne Recht, kein Rechtsstaat ohne Mut zur Wahrheit“
Gedenkredner Dr. Nicola Canestrini
Auch die Ansprache des Strafverteidigers und Menschenrechtsexperten Dr. Nicola Canestrini, Ehrenkranzträger des Südtiroler Schützenbundes, leistete großen Anteil zu einer würdigen Veranstaltung. In seiner Rede forderte er eine vollständige juristische und historische Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen an Südtiroler Häftlingen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Canestrini erinnerte daran, dass zahlreiche Südtiroler – darunter auch Sepp Kerschbaumer – Folter, Misshandlungen, Schlafentzug, Scheinhinrichtungen und entwürdigenden Haftbedingungen ausgesetzt waren. Diese Verbrechen seien dokumentiert, doch bis heute habe der italienische Staat dafür keine echte Verantwortung übernommen. Menschenrechte seien für ihn unabdingbar und es gibt keine Ausnahmen dafür.
„Ein demokratischer Staat zeigt Größe, wenn er das Handeln seiner eigenen Organe überprüft. Das Ausbleiben einer juristischen Aufarbeitung ist ein bleibender Schatten über dem Rechtsstaat. Menschenrechte sind unumstößlich und dürften politischer Opportunität nie geopfert werden“
Ehrensalve und Kranzniederlegung
Im Anschluss an die Rede spielte die Musikkapelle St. Pauls am Grab Sepp Kerschbaumers das Lied vom „Guten Kameraden“. Die Ehrensalve wurde von der Schützenkompanie „Sepp Kerschbaumer“ Eppan unter Hauptmann Maximilian Schmid abgefeuert. Mit der Kranzniederlegung, der Tiroler Landeshymne und der österreichischen Bundeshymne fand dieser Teil der Gedenkfeier einen besonders würdigen Abschluss.
„Mut statt Gleichgültigkeit“ – Worte des Landeskommandanten
In seinen Schlussworten knüpfte Landeskommandant Mjr. Christoph Schmid an die Ausführungen Canestrinis an. Er erinnerte daran, dass Rechtsstaatlichkeit immer wieder verteidigt werden müsse – gerade dann, wenn es politisch unbequem werde. Als mahnendes Beispiel nannte Schmid den Fall Luis Amplatz, dessen strafrechtliche Aufarbeitung durch eine gezielte Änderung der italienischen Strafprozessordnung verhindert worden sei. Dies zeige, wie schnell Wahrheit geopfert werde, wenn staatliche Interessen über Recht gestellt würden.
Landeskommandant Mjr. Christoph Schmid
Schmid formulierte einen klaren Appell in drei Punkten: 1. Rechtsstaatlichkeit ist nicht verhandelbar, 2. Wahrheit darf nicht relativiert werden und 3. Menschenrechte gelten ohne Ausnahme. Er warnte weiters vor Gleichgültigkeit und vor „unheiligen Allianzen in Rom“, die für die deutsche und die ladinische Minderheit brandgefährlich seien. Selbstbestimmung bleibe daher kein historisches Relikt, sondern ein lebendiger Auftrag, der aus dem Vermächtnis der Freiheitskämpfer erwachse.
„Wir stehen heute hier im Gedenken an Menschen, die ihr Leben verloren haben, weil sie eine gerechte Zukunft für Tirol wollten. Ehre ihrem Andenken. Ehre für Tirol.“
Freiheit und Selbstbestimmung als bleibender Auftrag
Die Gedenkfeier in St. Pauls, getragen von Heimatbund, Schützen, patriotischen Vereinen sowie zahlreichen engagierten Bürgern und anwesenden Politikern aus Gesamttirol, machte deutlich, wie wichtig es ist, das Andenken an Sepp Kerschbaumer und seine Mitstreiter lebendig zu halten. Die Veranstaltung erinnerte daran, dass Autonomie, Frieden und Wohlstand nicht selbstverständlich sind, sondern auf dem Mut früherer Generationen beruhen. Erinnerung bedeutet Verantwortung – und Verantwortung verlangt Haltung. Auch und besonders von Akteuren in Politik und Öffentlichkeit heutzutage.
LAbg. Gudrun Kofler NAbg. Christofer Ranzmaier
(Alle Bilder: Südtiroler Schützenbund (SSB) )
Südtirol: Die Forderung nach Landeseinheit verstummt nicht
Am 10. Oktober 2025 erinnerte die Landtags-Fraktion „Süd-Tiroler Freiheit“ in einem Pressedienst an die Forderung nach Landeseinheit:
„Seit 105 Jahren dauert die Fremdbestimmung durch den italienischen Staat an. Es war und ist die Urkatastrophe für Süd-Tirol. Anlässlich dieses historischen Datums erinnert die Süd-Tiroler Freiheit daran, dass Unrechtsgrenzen nicht für die Ewigkeit bestimmt sind. Die Autonomie kann niemals Endpunkt der Geschichte sein. Das kann nur die Unabhängigkeit von Italien!“
Einige Tage später setzte Alois Wechselberger, der Obmann des Nordtiroler „Andreas Hofer-Bundes“ (AHB) am Brenner ein Zeichen. Er verhüllte den Grenzstein, welchen der italienische König 1921 feierlich eingeweiht hatte, mit der Tiroler Fahne. Zudem wurde am Brenner „Ein Licht für ein vereintes Tirol“ entzündet.
Die Einweihung des Grenzsteines am Brenner durch den italienischen König am 13. Oktober 1921.
Der verhüllte Grenzstein (Bild AHB)
Mit einer großen Tafel wies Alois Wechselberger (hier im Bild) auf die Sehnsucht nach einem wiedervereinten Tirol hin. (Bild AHB)
„Ein Licht für ein vereintes Tirol“ (Bild AHB)
Letzter Wunsch blieb unerfüllt: Hermine Orian wurde Staatsbürgerschaft verweigert
Die letzte Katakombenlehrerin Hermine Aloisia Orian, geb Mayr, ist im Alter von 106 Jahren am 15. Mai 2025 in Schenna in Südtirol von uns gegangen. Ihr letzter Wunsch, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten, wurde ihr verweigert.
Am 17. Mai wurde Hermine Mayr, verw. Orian, auf dem Friedhof in Schenna zur letzten Ruhe gebettet. Zahlreiche Südtiroler Landsleute, darunter viele Schützen, begleiteten sie auf dem letzten Weg. Aus Österreich waren Vertreter des Andreas-Hofer-Bundes (AHBT) gekommen. Deren Obmann Alois Wechselberger hatte die alte Dame jahrelang besucht und betreut und sich immer wieder an österreichische Politiker und die Bundesregierung gewandt, Frau Orian doch ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Vergeblich!.
Alois Wechselberger (Bildmitte) besuchte mit Freunden vom AHBT wiederholt Frau Orian (rechts vom ihm Bild).
Der Südtiroler Schützenbund (SSB) würdigte die Verstorbene und berichtete über ihr Begräbnis.
Die ehemalige Südtiroler Landtagsabgeordnete Dr. Eva Klotz, die Tochter des legendären Freiheitskämpfers Georg Klotz, nahm an dem Begräbnis teil.(Bild SSB)
Die ehemalige Südtiroler Landtagsabgeordnete Dr. Eva Klotz, die Tochter des legendären Freiheitskämpfers Georg Klotz, nahm an dem Begräbnis teil. (Bild SSB)
Das Grab. (Bild SSB)
Von den österreichischen Zeitungen berichtete nur die „Kronen-Zeitung“ ausführlich über Leben und Tod der Verstorbenen.
Nachruf auf Hermine Orian
Der ehemalige FPÖ-Nationalratsabgeordnete und Südtirolsprecher Werner Neubauer hatte sich wiederholt für die Möglichkeit einer Doppelstaatsbürgerschaft für Südtiroler eingesetzt.
Werner Neubauer widmete der Verstorbenen folgenden Nachruf:
Am 15. Mai 2024 sollte sich doch noch alles zum Guten wenden: Abgeordnete aller im Parlament vertretenen Parteien hatten einen Antrag eingebracht, Frau Hermine Orian aus Schenna ihren sehnlichen Wunsch zu erfüllen, als „Österreicherin“ sterben zu dürfen. Die Österreichische Volkspartei und die Partei der Grünen versagten dem Antrag ihre Zustimmung, weshalb keine Mehrheit erreicht wurde.
Bereits im Jahr 2009 hatte der FPÖ-Südtirol-Sprecher Werner Neubauer auf diesen Herzenswunsch hingewiesen und um Unterstützung in Südtirol und Wien geworben. Nun hat uns Frau Orian, die „dem Herrgott als Österreicherin gegenübertreten wollte“, für immer verlassen. Sie wurde von der Politik diesseits und jenseits des Brenners schmählich im Stich gelassen. Möge ihr die Erde leicht sein.
Wer war Hermine Orian, geb. Mayr?
Am 23. April 1919, wurde in Kurtatsch, Südtirol, die Österreicherin Hermine Mayr geboren. Südtirol gehörte zur Zeit der Geburt von Frau Orian staatsrechtlich noch zu Deutsch-Österreich, und es saßen damals noch drei Abgeordnete aus Südtirol im österreichischen Parlament: Dr. Eduard Reut-Nicolussi, Dr. Aemilian Schöpfer und Dr. Leopold Molinari. Wie alle Südtiroler wurden die Angehörigen der Familie Mayr-Orian gegen ihren erklärten Willen dem Königreich Italien einverleibt.
Schon mit 13 Jahren im unermüdlichen Dienst für die Gemeinschaft
Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in den damalige politische „Schlafwandler“ (siehe Historiker Christopher Clark) hineingetorkelt waren, liegt Europa in Trümmern. Die Südtiroler stöhnen unter einem Joch, das ihnen ein himmelschreiend ungerechter Frieden aufgezwungen hatte, und von dem viele meinen, dass es bis heute noch nicht abgeschüttelt werden konnte. In jungen Jahren hatte Hermine Orian trotz strengen Verbotes durch die italienischen Faschisten als sogenannte Katakomben-Lehrerin Südtiroler Kinder in der deutschen Mutter Sprache unterrichtet.
Hermine Mayr-Orian mit Kindern, die sie heimlich in deutscher Sprache unterrichtete.Hermine Mayr-Orian mit Kindern, die sie heimlich in deutscher Sprache unterrichtete.
Mutige Frauen wie die Verstorbene und die Organisation von Kanonikus Michael Gamper haben den Erhalt der deutschen Sprache und Kultur in Südtirol sowie das Überleben der Tiroler als Minderheit gesichert.
Sie lebte bis zuletzt in der Hoffnung auf mutige Politiker in Schenna, oberhalb von Meran. Seit etwa fünfzehn Jahren verfolgte die Urgroßmutter ihren Traum, wieder Österreicherin werden zu dürfen.
Doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler
Bei Hermine Orian lagen berechtigte Gründe für eine rasche und unbürokratische ‘Wieder-Verleihung‘ der österreichischen Staatsbürgerschaft vor. Diese mutige Frau, trug durch ihre Opferbereitschaft dazu bei, dass sehr viele Kinder ihre Identität bewahren konnten.
Für diesen gefährlichen Einsatz in schweren Zeiten wurde sie vom Land Tirol mit dem Verdienstorden des Landes Tirol und zahlreichen anderen Ehrungen ausgezeichnet.
Wir haben vor 15 Jahren gemeinsam mit einer Bürgerinitiative allein in Österreich 22.000 Unterschriften für eine doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler gesammelt. Bei einer Annahme des Antrages im Parlament wäre auch Frau Orian unter die neue Gesetzesregelung gefallen. Leider konnten dafür keine Mehrheiten gefunden werden, obwohl das Rechtsgutachten des Innsbrucker Uni-Professors Dr. Obwexer zum Schluss kam, dass die Umsetzung einer doppelten Staatsbürgerschaft für Südtiroler nur noch eine Frage des politischen Willens sei.
Die „Kronen-Zeitung“ berichtete 2011 über die gesammelten Unterschriften.
Das Ansuchen von Hermine Orian um die doppelte Staatsbürgerschaft sollte Bewegung in die parlamentarischen Mühlen bringen und den entscheidenden Impuls geben, dass dieser Herzenswunsch unserer Landsleute südlich des Brenners erfüllt werden kann.
Der damalige FPÖ-Bundesparteiobmann HC Strache appellierte an Landeshauptmann Durnwalder und an Vizekanzler Spindelegger sowie an alle Parteienvertreter, sich auch der menschlichen Bedeutung dieses Anliegens für die Südtiroler bewusst zu werden und nun ehestmöglich die Wege zu ebnen, um diesem Anliegen der Frau Orian – auch aus humanitären Gründen -endlich entsprechen zu können.
Allein, das oftmals viel beschworene christlich-soziale Herz der Österreichischen Volkspartei war erkaltet, die Türen blieben verschlossen.
Während in den vergangenen 10 Jahren in Österreich jährlich durchschnittlich rund 30 Personen per Regierungsbeschluss die Staatsbürgerschaft verliehen wurde, fand man Frau Hermine Orians Leistungen nicht für „herausragend“ genug und auch nicht „menschlich“ genug, um sie – ihrem Wunsch entsprechend – als Österreicherin vor ihren Schöpfer treten zu lassen. Dank gilt allen, die sich für Hermine aus voller Überzeugung in den letzten 15 Jahren eingesetzt haben. Allen voran Alois Wechselberger vom Andreas-Hofer-Bund Tirol.
Wir werden ihr Andenken jedenfalls in Ehren halten.
Sepp Forer – „Abschied von einem treuen und mutigen Freund“
Sepp Forer (Bild SHB)
Unter diesem Titel berichtete der Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB), Roland Lang, über den Tod des ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfers Sepp FORER. Er schrieb:
„Mit Trauer erfüllt uns die Nachricht, dass der aus Mühlen im Tauferer Tal stammende ehemalige Freiheitskämpfer Sepp Forer in der Früh des 5. Februar 2025 im Nordtiroler Exil verstorben ist. Die Fortführung der faschistischen Entnationalisierungspolitik mit Unterdrückung der deutschen Sprache und Kultur sowie der Förderung der Zuwanderung aus dem Süden hatten ihn Ende der 1950er Jahre dazu bewogen, sich der Widerstandsgruppe der „Pusterer Buam“ anzuschließen.
Bild aus „Domenica del Corriere“ vom 11. Juli 1967: Die Gruppe der „Pusterer Buam“ – von links nach rechts: Siegfried Steger, Heinrich Oberlechner, Heinrich Oberleiter, Sepp Forer. Die „Pusterer“ gingen bewaffnet in den Einsatz, um nicht wehrlos der Verhaftung und der Folter in einer Carabinierikaserne anheim zu fallen.
Nach der Feuernacht des Jahres 1961 hatte Forer nach Nordtirol flüchten müssen, von wo aus er immer wieder heimlich über die Unrechtsgrenze nach Südtirol ging, um an Widerstandshandlungen teilzunehmen. Diese richteten sich gegen Sachwerte wie Strommasten, nicht gegen Menschen, wie er und seine Mitstreiter stets hervorhoben.
Trotzdem wurde er in Italien in Abwesenheit zweimal zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Anklageschrift und Vorladung zur Gerichtsverhandlung hatte er nie erhalten. Seine Verurteilungen hatte er nur aus der Presse erfahren.
Auch in Österreich war er auf italienischen Druck hin inhaftiert worden. Der Nordtiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer, ein gebürtiger Vinschger, hielt jedoch seine schützende Hand über ihn und bewirkte seine Freilassung.
Der Nordtiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer (ÖVP) hielt seine schützende Hand über Südtiroler Freiheitskämpfer. (Bild: Archiv)
Sepp Forer hatte sich dann in Ladis in Nordtirol niedergelassen, eine Familie gegründet und ein Hotel betrieben. Er hinterlässt seine Frau und vier Kinder.
Im Jahre 2013 hatte ich Sepp Forer zusammen mit Freunden in seinem Hotel in Ladis besucht und ihm ein Bild Sepp Kerschbaumers, des Gründers des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) überreicht.
Roland Lang überreicht das Bild Sepp Kerschbaumers an Sepp Forer. (Bild SHB)
Ich denke immer wieder an diese Begegnung und an den tief berührenden Erlebnisbericht Sepp Forers.
Er trat bis zu seinem Lebensende für die Freiheit und Selbstbestimmung seiner Heimat ein. Wir werden ihn stets in ehrendem Andenken behalten. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie.
Roland Lang Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB)“
Partezettel für Sepp Forer
In der Kapelle in Ladis wurde Sepp Forer aufgebahrt und zahlreiche Landsleute nahmen dort von ihm Abschied. (Bilder SHB)
Bericht von Sepp Forer
Über seine Tätigkeit als Freiheitskämpfer berichtete Sepp Forer im Jahre 2017 an den „Südtiroler Heimatbund“ (SHB):
„Der zweite Weltkrieg war vorbei und mit ihm auch – so hofften die Südtiroler – der italienische Faschismus. Jener Faschismus, der sich in Verbindung mit dem Nationalsozialismus gegen unser Volk und Land verschworen und eine italienische Mehrheit in Südtirol zum Ziel hatte. Dem war nicht so.
Es wurden zum Großteil wieder die alten faschistischen Verwaltungsbeamten eingesetzt, die faschistischen Orts- und Flurnamen blieben weiterhin erstrangig und viele aus der Zeit Mussolinis stammende Gesetze existierten weiter. Manche bis zum heutigen Tag.
Aus „Der Landsmann“ (vormals vor dem Verbot des Namens „Der Tiroler“) vom 24. Oktober 1925.
Als ich 1946 in die wieder zugelassene deutsche Schule kam, war ihr Zustand ein erbärmlicher. Mein erstes Deutschlesebuch war ein aus der Schweiz eingeschmuggeltes. Ich musste es mit zwei anderen Mitschülern teilen. Meine erste Lehrerin war eine Katakombenlehrerin. Sie hatte während der Mussolini-Zeit unter großer Gefahr heimlich Deutschunterricht gegeben. Wurden damals solche Lehrer erwischt, hat sie hart bestraft oder gar auf die liparischen Inseln verbannt. Dort mussten sie in den Schwefelgruben arbeiten. Ehre Ihrem Andenken.
Die gefürchtete Verbannungsinsel Lipari. (Bild aus den 1920er Jahren – Archiv)
Zum dörflichen Alltag gehörten mit Maschinenpistolen bewaffnete patrouillierende Carabinieri, sie achteten misstrauisch, dass es ja keine anti-italienischen Vorkommnisse gab. Sie schritten schon ein, wenn ein rotes, ein weißes und wieder ein rotes Leintuch auf der Wäscheleine nebeneinander hingen. Ähnlich ging es mit den Balkonblumen, bestraft wurden rot-weiß-rot gestrichene Fensterläden, das Hissen der Tiroler Fahne oder gar das Zeigen unseres Landeswappens.
1957 wurde die Besitzerin der „Villa Grabner“ in Vahrn bei Brixen, Frau Julie Grabner, die ihre Fensterläden in traditioneller Weise rot-weiß hatte streichen lassen, zu einer erheblichen Geldstrafe verurteilt. (Aus: „Dolomiten“ vom 23. März 1957)
Arg war die Arbeitslosigkeit unserer jungen Leute, sie mussten nach Nordtirol, in die Schweiz oder nach Deutschland fahren, um Arbeit zu finden. Zugleich fand eine staatlich gelenkte Massenzuwanderung von Arbeitern aus dem Süden Italiens statt. Für sie wurden 1000e staatliche Wohnungen gebaut. Arbeit fanden sie im staatlichen Dienst und in der Bozner Industriezone, die Mussolini auf den enteigneten Obst- und Weingärten errichten ließ. Das Ziel war, rasche eine italienische Bevölkerungsmehrheit in Südtirol zu schaffen. Aufgegeben hat man dies bis heute nicht.
Die Zuwanderer aus dem Süden erhielten umgehend Arbeitsplätze und billige Wohnungen, die den Südtirolern weitgehend verweigert wurden. (Bild aus: Tiroler Landesregierung: „Südtirol – Alarm für Europa“, Innsbruck 1959)
Die Anwendung der von den alliierten Siegermächten angeordnete Autonomie wurde von Italien behindert, verzögert und verwässert. Die Doppelsprachigkeit der italienischen
Beamten gab es nicht, unsere Leute mussten in den Ämtern stundenlang warten, wenn sie nicht italienischen konnten. Die im Ausland erworbenen Titel wurden nicht anerkannt. Die vom Landtag in Bozen erlassenen Verordnungen und Gesetze wurden in Rom häufig zurückgewiesen.
Die Volkskundgebung auf Schloss Sigmundskron
All dies erzeugte einen Zustand der Hoffnungslosigkeit und der Ohnmacht, der sich bei der Kundgebung in Sigmundskron entladen hat. Am 17. November 1957 versammelten sich dort trotz starker Polizeipräsenz 35.000 Südtiroler mit der Forderung nach Selbstbestimmung. Nach stundenlangem Bemühen des neu gewählten Parteiobmannes Magnago erhob man nur die Forderung nach mehr Autonomie. Diese Minimalforderung wurde von Italien nicht nur nicht erfüllt, sondern 1959 erließ der Ministerrat eine Durchführungsbestimmung für einen verstärkten Wohnbau für zugewanderte Italiener.
In ganz Südtirol kam es zu Protesthandlungen. Die Südtiroler Politiker protestierten vergebens in Rom. Die verbotene Tiroler Fahne wurde an schwer zugänglichen Stellen gehisst und Flugzettel mit Forderung nach Selbstbestimmung verteilt. Meine Freunde und ich haben hinter meinem Heimatdorf einen 11 Meter hohen und 9 Meter breiten Tiroler Adler auf eine Granitfelswand gemalt.
Der Tiroler Adler vom Altar im Schloss Tirol, etwa aus dem Jahre 1370. Einen solchen 9 Meter großen Tiroler Adler hatten Siegfried Steger, Heinrich Oberlechner und Sepp Forer kurz vor der Herz Jesu-Nacht des Jahres 1959 in die hohe Felswand hinter der Pfarrkirche in Mühlen gemalt.
Österreich brachte in der Folge unter Kreisky das Problem vor die UNO. Dies verpflichtete Italien mit Österreich zu verhandeln. Italien jedoch behauptete, dass Südtirol eine inneritalienische Angelegenheit sei und ließ Österreich im Regen stehen. 1961 kam es zu einer neuerlichen Befassung der UNO. Italien reagierte wieder mit Ausflüchten und der Behauptung, die Südtiroler seien die bestbehandelte Minderheit in Europa. Im römischen Parlament wurde ein Gesetzesentwurf eingebracht, in dem missliebige Südtiroler des Landes verwiesen werden konnten. Das brachte das Fass zum Überlaufen.
Unter Sepp Kerschbaumer bildete sich eine Widerstandsbewegung, die durch gewaltsame Aktionen die Weltöffentlichkeit auf die unhaltbaren Zustände in Südtirol aufmerksam machen wollte. Das Ziel war das Selbstbestimmungsrecht und die Wiedervereinigung Tirols.
Ich schloss mich mit meinen Gesinnungsgenossen dieser Bewegung an, weil wir überzeugt waren, dass unser Volk unter der Fremdherrschaft Italiens zu Grunde geht. Wir nahmen das Landlibell ernst, wir mussten uns wehren! Es wurden Verstecke für Sprengmittel und Flugzettel gesucht und ausgebaut, Verbindungen wurden geknüpft und Ausbildungen im Sprengmittelgebrauch gemacht.
Dann kam der in die Geschichte Tirols eingegangene Herz-Jesu-Sonntag 1961. Erst um 4 Uhr nachmittags erhielten wir das Losungswort, dass in der kommenden Nacht der große Schlag stattfindet. Durch die kurze Ankündigungszeit konnten wir nur wenige unserer Mitkämpfer erreichen. Es flogen in der Nacht immerhin 2 Hochspannungsmasten im Tauferer Tal in die Luft; in ganz Südtirol waren es an die 40.
Einer der in der „Feuernacht“ gesprengten Masten. (Bild Archiv)
Mein Mitkämpfer Siegfried Steger und ich beschlossen, uns unter keinen Umständen von den Carabinieri verhaften zu lassen, da wir die Brutalität der Polizei bereits beim Verhör wegen des von uns aufgemalten Tiroler Adlers zu spüren bekommen hatten. Wir hatten deshalb schon länger geplant, gleich nach den ersten Widerstandshandlungen in die Berge zu flüchten. Der Abschied von meinen Eltern im Morgengrauen des 12. Juni war ein trauriger. Ich als Ältester von 3 Kindern hätte den Hof übernehmen und meinen damals 60jährigen Vater entlasten sollen. Diese seine Hoffnung war dahin. Meine Eltern segneten mich und der Vater sprach mit Tränen in den Augen: „Seppl, ich hätt di wohl noch gebraucht, aber geh‘ in Gottes Namen, es muss wohl so sein.“ Ich ging, nahm eine Sense und begann oberhalb unseres Hofes in der Bergwiese Gras zu mähen. Um 6 Uhr sah ich 8 mit Maschinenpistolen bewaffnete Carabinieri auf unseren Hof kommen. Sie riefen mir auf Italienisch zu, dass ich herunterkommen solle. Ich rief auf Deutsch zurück „I kimm glei“, steckte die Sense und den Wetzstein in den Boden und ging dem nahen Waldrand zu. „Altola, altola“ riefen sie dann und brachten die Gewehre in Anschlag. Ich machte einen gewaltigen Satz über die Feldmauer und war weg.
Italienische Carabinieri brachten ihre Gewehre in Anschlag gegen Sepp Forer. (Bild Archiv)
Wie mit Siegfried Steger ausgemacht ging ich zum vereinbarten Treffpunkt 2 Gehstunden oberhalb des Dorfes. Doch Siegfried kam den ganzen Tag nicht, erst um Mitternacht kam er angeschlichen. Er wurde in der Früh verhaftet, in den Polizeijeep gesetzt und von drei Polizisten bewacht. Mit einem Trick gelang es ihm zu entkommen und in die Klamm hinter dem Dorf zu flüchten, von wo er erst in der Nacht weiterflüchten konnte.
Durch unsere Nachrichtenleute erfuhren wir, dass unsere Familienmitglieder zum Teil verhaftet und die anderen am Hof ständig überwacht wurden. Außerdem kamen starke Militäreinheiten in unser Tal und begannen uns zu suchen. Nach 3 Tagen gingen wir in der Nacht über die Gletscher ins Zillertal. Dort holte uns ein Nordtiroler Mitkämpfer ab und brachte uns nach Innsbruck, wo sich immer mehr geflüchtete Südtiroler Mitkämpfer einfanden. Wir beschlossen nicht untätig herumzusitzen und gingen nun wieder über die stark bewachte Grenze und begannen dem Freiheitskampf fortzuführen.
Am 16. Juni 1961 ordnete der Regierungskommissär mit sofortiger Wirkung den Schießbefehl auf Personen an, die näher als 200 Meter von Hochspannungsmasten, Elektrizitätswerken, Staudämmen, Seilbahnen usw. angetroffen werden.
So verherrlichte die in Rom erscheinende „Tribuna Illustrata“ im Oktober 1961 den „heldenhaften Kampf“ gegen die Südtiroler „Terroristen“.
Unter dem Kommando Vincenzo Agnesina wurden in Südtirol 35.000 Soldaten und Polizisten zusammengezogen, um die angeordneten Schießbefehle und Bewachungen zu übernehmen. Da Kasernen und Feldlager nicht zur Unterbringung ausreichten, beschlagnahmte man Hotels und Pensionen. Die darin wohnenden Gäste wurden samt Gepäck vor die Türe gesetzt.
Am Abend des 19. Juni wollte der in Sarnthein auf dem Moarhof arbeitende Knecht Josef LOCHER den steilen Weg meiden und fuhr in der Holzkiste der Materialseilbahn bergwärts. Auf halbem Weg erschoss ein Soldat mit 6 gezielten Schüssen den Wehrlosen in der Transportkiste. Noch in derselben Nacht wurde in Mals im Vinschgau der 25jährige Hubert
SPRENGER nach einem Besuch im „Gasthaus Post“ von einem Militärposten vor einem Offizierswohnheim erschossen. Die beiden Südtiroler waren die ersten Opfer des Schießbefehls, sie hatten beide mit den Widerstandaktionen nichts zu tun.
Die italienische Bozener Zeitung „Alto Adige“ berichtete über den Tod der beiden Südtiroler LOCHER und SPRENGER. Ganz links in der Bildleiste sehen wir italienische Soldaten am Tatort bei der Materialseilbahn, dann folgt das Bild von Josef Locher. Das nächste Bild zeigt das von den Italienern beschlagnahmte Haus, von dem Sprenger (letztes Bild rechts) nicht hatte wissen können – da die diesbezügliche Verlautbarung erst später erfolgte – dass man sich diesem nicht annähern durfte.
Am 25. Juni wurde der 22jährige Peter THALER vom Temmelhof in Brixen in Welsberg durch einen italienischen Soldaten erschossen, die näheren Umstände wurden nie geklärt. Der 18jährige Peter WIELAND aus Niederolang wurde auf dem Heimweg von einer Musikprobe mitten auf einer Wiese von einem italienischen Soldaten angeschossen und dort zwei Stunden liegen gelassen, bis er verblutet war (Todestag 13. April 1966.).
Der junge Peter WIELAND aus Niederolang, (Bild Archiv)
Im Juli brach die große Verhaftungselle aus. Es wurden wahllos 100e Südtiroler verhaftet und fürchterlich gefoltert. Die bestialischen Behandlungen wurden vom italienischen Innenminister Scelba angeordnet, durchgeführt wurden sie von eigens ausgebildeten Carabinieri-Folterknechten. Ich möchte Euch Details ersparen. Zu Tode gefoltert wurde Anton GOSTNER aus St. Andrä (Todestag 7. Jänner1962) , Franz HÖFLER aus Lana (Todestag 22. November 1961) und an den Spätfolgen starb Sepp KERSCHBAUMER aus Frangart (Todestag 7. Dezember 1964). Viele Andere waren durch die Folterungen für ihr Leben gezeichnet.
Die Folterungen sind ausführlich dokumentiert in dem Buch von Helmut Golowitsch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer“, Edition Südtiroler Zeitgeschichte, 2012, ISBN 978-3-941682-00-9.
Die entsetzlichen Geschehnisse bewogen uns, nun nur noch bewaffnet in den Bergen unterwegs zu sein. Wir bauten in unwegsamen Gelände unsere Stützpunkte sowie Vorratslager und führten in der schneefreien Zeit den Freiheitskampf 6 Jahre weiter und haben mit Gottes Hilfe, viel Glück und der Hilfe der Bevölkerung überlebt. Um einer Fehlmeinung entgegenzutreten, muss ich sagen, dass nicht nur wir 4 Pusterer Buben in unserem Raum gekämpft haben, es waren Dutzende andere Kameraden, die mitgemacht haben. Ihre Namen sind bis heute nicht öffentlich bekannt.
Italienische Fahndungsbilder von den „4 tapferen Jungen des Ahrntales“ (Aus: Domenica del Corriere 30. Oktober 1966)
Wenn es Euch interessiert, erzähle ich Euch vom Überfall auf Tesselberg bei dem es zu einem Schusswechsel zwischen mir und italienischen Elitesoldaten kam und bald in einer Katastrophe geendet hätte.
Es war jener denkwürdige 10. September 1964. In Bozen begann das Begräbnis meines Kameraden Luis Amplatz. Er wurde am 7. September vom italienischen Geheimdienst in einer Heuhütte im Passeiertal im Schlaf erschossen. Trotz massiver polizeilicher Behinderung kamen 20.000 Leute, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Wir waren nach einem langen Nachtmarsch in das Gebiet von Tesselberg gekommen. Es war ein kleiner Weiler hoch über dem Eingang ins Tauferer Tal mit nur 150 Einwohnern. Die Nacht reichte nicht mehr aus, um einen unserer Stützpunkte zu erreichen. So beschlossen wir, in einem der zahlreichen Heustadel Unterschlupf zu suchen.
Der Weiler Tesselberg. (Bild Archiv)
Zu Mittag war meine Wache beendet, und ich schaute noch einmal in die Runde. Plötzlich kamen zwei Soldaten einer Eliteeinheit mit rotem Halstuch auf unsere Hütte zu. Ich raunte meinen Kameraden zu: ‚Mander richtet euch, die Walschen kommen.‘ Inzwischen standen die Zwei schon vor unserer Hütte, sahen durch die offene Luke unseren Benzinkocher auf einem Holzbalken. Wohl dadurch misstrauisch geworden rief Einer: ‚Venite fuori‘ und
feuerte aus einer Entfernung von 5 bis 6 Metern mit seiner Maschinenpistole auf mich. Ich erwiderte das Feuer, und die Beiden waren kampfunfähig, haben aber überlebt.
Zu meinen Kameraden sagte ich: ‚Gebt mir Feuerschutz‘ und sprang bei der Luke hinaus dem nahen Waldrand zu. Im Laufen sah ich oberhalb von mir – hinter einer Feldmauer geduckt – 15 bis 20 weitere Elitesoldaten ratlos in die Gegend schauen. Ich warf mich in eine Geländemulde und wartete auf meine Kameraden. Sie kamen nicht, und ich ließ einen unserer Verständigungspfiffe los. Darauf setzte starkes MP-Feuer ein, und ich musste mich bergab zurückziehen.
Auf meinem Weg kam ich zu einem Bauernhof, dort wollte ich um Schuhe bitten, weil ich barfuß unterwegs war. Ich duckte mich ober dem Haus hinter einer Feldmauer, um zu beobachten. Dabei trat ich einen faustgroßen Stein los, der hinunter auf die Stadelsbrücke kollerte. Sofort begann man aus dem bereits vom Militär besetzten Hof zu schießen. Ich musste also schleunigst weiter und kam zu dem kleinen Gebirgsbach, der von Tesselberg herunter rinnt. Ich ging durch den Bach aufwärts in einen sehr steilen, felsdurchsetzten und gut bewachsenen, aber aussichtsbietenden Wald.
Ich konnte mich gerade unter einer Haselstaude verkriechen, da sah ich unter mir zwei Hundeführer, die nach mir suchten. Es flogen Hubschrauber in bedenklicher Nähe und am Talboden kamen ständig neue Militäreinheiten an und begannen nach uns zu suchen.
Italienische Suchmannschaften. (Bild Archiv)
Im Weiler Tesselberg ging Übles vor sich. Die Männer wurden gefesselt und mussten stundenlang bäuchlings auf der Wiese liegen, wer aufschaute wurde mit Gewehrkolben geschlagen. Die Häuser wurden gestürmt, Handgranaten hineingeworfen, Bargeld und Ferngläser gestohlen und eine taubstumme Frau durch einen Lungenschuss verletzt.
Bild aus einem Rückblick der „Dolomiten“ vom 10. September 2004.
Bei den Suchmannschaften brach Hysterie aus. Der Alpinisoldat Silvano Ragotti raste mit seinem Jeep durch die Gegend. Das Auto überschlug sich, und er wurde dabei getötet. Ein weiterer Soldat, Giulio Meloni, musste austreten. Als er zurück kam, wurde er von nachrückenden Soldaten erschossen. Ein Panzer rückte an und schoss die Heuhütte, in der wir Unterschlupf gesucht hatten, in Brand. Eine Mühle, weitere Stadel und Heuschober wurden ebenfalls in Brand geschossen.
Oberst Marasco kam mit einem Hubschrauber und befahl dem Leutnant Giudici: ‚Stell‘ 15 Personen an die Wand und lass sie erschießen. Dann lass‘ das Dorf niederbrennen.‘ Dieser verweigerte Gott sei Dank den Befehl, er wurde nach Udine strafversetzt.
Aus einem Rückblick der „Dolomiten“ vom 10. September 2004.
Für mich wurde die Lage aussichtslos, umgeben von Suchmannschaften, von drei bewaffneten Hubschraubern verfolgt, harrte ich in meinem Felsenversteck aus. Dabei habe ich drei Rosenkränze gebetet und mich auf den Tod vorbereitet. Nach langen bangen Stunden wurde es Abend, und die schützende Nacht brach herein. Die Suchmannschaften verzogen sich teilweise, und ich konnte – immer noch barfuß – auf wohlbekannten Schleichwegen die Gegend verlassen.
Bericht aus den „Südtiroler Nachrichten“ vom 21. September 1964.
Im Spätherbst 1966 hatten wir mit Dr. Peter Brugger, Obmannstellvertreter der SVP, ein Treffen in Nordtirol. Dort sagte er zu uns:‘Buam, jetzt könnt’s aufhören. Bei den Verhandlungen haben wir das Möglichste erreicht, mehr ist nicht zu holen. Bundeskanzler Klaus und Außenminister Luio Toncic haben sich mit Italien arrangiert.‘
Dass dem so war, erfuhr ich am eigenen Leib. Am 28. Mai 1967 wurde ich in Fritzens verhaftet und kam in österreichische Gefangenschaft. Im Gefängnis zu Innsbruck musste ich erfahren, dass auf Betreiben von Innenminister Hetzenauer (ein Tiroler!) das österreichische Bundesheer den Italienern bei der Bewachung der Unrechtsgrenze zu Hilfe geschickt wurde! Mir sind heute noch die Bilder in übler Erinnerung, wo österreichische Offiziere mit den italienischen Besatzern Brüderschaft getrunken haben! Die patriotischen Tiroler waren entsetzt!
Im März 1968 kam ich Wien vor ein Schwurgericht. Mir wurde Sprengstoffbesitz und Ansammlung von Kriegswaffen vorgeworfen, ich bestritt dies nicht und durfte auf Anordnung des Gerichtsvorsitzenden Dr. Gleissner ausführlich erklären, warum ich zur Gewalt gegriffen hatte. Dann wurde ich von den Geschworenen einstimmig freigesprochen. Begründung: Es lag ein strafausschließender Notstand vor. Anstatt mich auf freien Fuß zu setzen, brachte man mich nach Feldkirch in Auslieferungshaft. Italien wollte mich unbedingt haben und Österreich unter Klaus und Toncic war aus Liebedienerei offenbar dazu bereit. Erst durch zwei Demonstrationen österreichischer Patrioten vor dem Gefängnis, der energischen Intervention von Landeshauptmann Wallnöfer und dem österreichischen Justizminister Klecatsky wurde ich nach 26monatiger Einzelhaft entlassen.
Georg Klotz (Mitte) zusammen mit Freunden vor der Köhlerhütte im Ruetztal. (Bild aus: Eva Klotz: „Georg Klotz – Freiheitskämpfer für die Einheit Tirols“, Wien 2002.
Am 14. Jänner 1976 starb in der Ruetzschlucht bei seiner Köhlerhütte einsam und verlassen Jörg Klotz. Er war führender Mitbegründer des Südtiroler Schützenwesens und stand im Range eines Majors. Von Anfang an war er auch am Aufbau des Südtiroler Widerstandes dabei und hatte belegbare Kontakte zu österreichischen Spitzenpolitikern.
Zu seiner Verabschiedung in der Absamer Wallfahrtskirche verbot der damalige Landeskommandant Hofrat Dr. Zebisch die offizielle Teilnahme von Nordtiroler Schützen!!! Dieses schäbige, gegenüber Italien unterwürfige Verhalten bewog mich bei der Grabrede, die ich gehalten habe, ihn der Feigheit zu bezichtigen. Erst nachdem Italien erlaubte, die Leiche von Klotz im heimatlichen Passeier zu begraben, traute er sich, eine Abordnung mit Bundesstandarte zum Begräbnis zu schicken. Die Unmutsäußerungen gegen sein Verhalten waren verständlich.
Anlässlich des Gedenkjahres 2009 hat mich am allermeisten die Haltung Nordtiroler Politiker und der Schützenbundesleitung entsetzt. Nicht nur das und würdige Gezanke über das Mittragen der Dornenkrone beim Festzug war peinlich, die Aussagen aus dem Innsbrucker Landhaus waren für patriotische Tiroler unerträglich.
Nordtiroler Politiker hatten versucht, das Mitführen der eisernen Dornenkrone im Landesfestzug von 2009 als Zeichen der Trauer über die Landesteilung Tirols zu verhindern. Schließlich mussten sie doch erlauben, dass die nun mit Rosen geschmückte und damit „entschärfte“ Dornenkrone von Schützen aus allen Landesteilen getragen wurde. (Bild Archiv)
Nach Treffen österreichischer Politiker mit dem italienischen Außenminister entstand die Weisung, beim Festumzug keine für die Fremdherrschaft in Südtirol unangenehme Forderungen zu stellen. Es sollte verboten sein auf Tafeln und Spruchbänder die Forderung nach Selbstbestimmung ‚Los von Rom‘ oder die Vereinigung unseres Landes zu fordern! Die am Festzug teilnehmenden Gruppen mussten nicht nur die Teilnehmerzahl, sondern auch den Wortlaut ihrer Transparente bekannt geben. Also Zensur pur!
Das Ansuchen um Teilnahme hat zum Beispiel der Südtiroler Heimatbund – er ist die Vereinigung politischer Häftlinge und Freiheitskämpfer – bereits schon im Dezember 2008 gestellt. Es wurde erst 10 Tage vor dem Festzug genehmigt. Der Grund dafür war das mitgeführte Spruchband ‚Trotz Autonomie – die Heimat in Gefahr. Selbstbestimmung für Südtirol.‘
Der letzte Versuch, diese unbequemen Mahner zu verschweigen, war das Ausblenden dieser Gruppe bei der Direktübertragung im ORF.
Vergeblich hatten österreichische Politiker versucht, das Mitführen solcher Transparente auf dem Landesfestzug von 2009 in Innsbruck zu verhindern. (Bild Archiv)
Die von Italien angeregten Aussagen, dass jene, die die Selbstbestimmung und Wiedervereinigung fordern, Extremisten, Zündler und Unruhestifter seien, bewogen mich aus Protest nicht am Festzug teilzunehmen. Wohlwissend, dass dies der Letzte ist, den ich erlebe.
Inzwischen haben sich die Wogen etwas geglättet. Besonders gefreut hat mich die Aussage des neuen Landeskommandanten Tiefenbrunner, dass die Wiedervereinigung unseres Landes auch sein Ziel sei.
Hoffentlich wird dieses Ziel auch in die Statuten aufgenommen und ein einziges Schützenkommando für ganz Tirol gebildet, denn das wäre das ernstgenommene Landlibell! Wenn das passiert, verspreche ich, eine Wallfahrt zu machen.
Schützenheil! Euer Sepp Forer“
Erinnerung des ehemaligen Freiheitskämpfers Prof. Dr. Erhard Hartung
„Als etwa 20-jähriger Medizinstudent lernte ich den Südtiroler Freiheitskämpfer Sepp Forer über viele Tage erstmals persönlich kennen, da er von meiner Mutter, Frau Dr. Gerda Foltin geb. von Hartungen, in ihrer Innsbrucker Wohnung in der Erzherzog Eugenstrasse 17 Quartier und Verpflegung erhielt. Dies deshalb, da er wegen seiner politisch verursachten Aktivitäten im Südtiroler Freiheitskampf sowohl in Italien als auch in Österreich (erstmalige Verhaftung im Februar 1963) von staatlicher Seite verfolgt wurde. Meine Mutter stand mit den Freiheitskämpfern Dr. Heuberger und Dr. Klier bereits in Kontakt.
Während dieser Zeit haben Forer und ein weiterer „Pustrer Bua“, die beide bei uns nicht angemeldet wohnten, mir viel über die Situation in Südtirol und ihre dortigen Aktivitäten erzählt. Sie haben über die Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung und das Vorgehen der – damals nach italienischen Angaben etwa 40.000 – in Südtirol stationierten italienischen Soldaten berichtet.
Italienisches Militär vor dem faschistischen „Siegesdenkmal“ in Bozen. (Bild Archiv)
Nicht nur nach Forers Auffassung war Südtirol eine italienische Kolonie. Dies bewiesen die Ausbeutung von Rohstoffen sowie Elektrizität durch die italienische Fremdmacht. Dazu kamen die politische und kulturelle Unterjochung, Rassismus und Entmenschlichung durch Verweigerung von öffentlichen Arbeitsplätzen für Südtiroler, welche eine Abwanderung ins Ausland bedingte. Dies geschah bei gleichzeitiger Bevorzugung aus dem Süden zugewanderter Italiener. Es war daher mit mathematischer Sicherheit vorauszusehen, dass durch den jährlichen Zuwachs der italienische Bevölkerung die Südtiroler binnen kurzer Zeit, in der eigenen Heimat zur Minderheit würden. Kanonikus Michael Gamper erkläre damals: „ES IST EIN TODESMARSCH, AUF DEM WIR UNS BEFINDEN!“. Um dies zu verhindern, wurde von Patrioten der BAS (Befreiungs-Ausschuss Südtirol) Ende der 1950er Jahre gegründet.
Kanonikus Michael Gamper. (Bild Archiv)
Forer hätte als ältester Sohn später den Hof in Mühlen im Tauferer Tal übernehmen sollen. Seit seiner frühesten Jugend hat er die vielen Benachteiligungen, welche er, seine Familie und Freunde von der italienischen Besatzungsmacht erdulden mussten, erkannt und sich daher patriotisch engagiert. So wurde er von Südtiroler Seite für den ‚Befreiungsausschuss Südtirol’ (BAS) geworben. Sprengstoff und Waffen, die er in einem Depot versteckte, erhielt er ebenfalls von dieser Seite und vom Innsbrucker Kurt Welser, der ihn mit anderen Nordtiroler Freiheitskämpfern, im Umgang mit Sprengstoff und der Sprengung von Strom-Masten unterwies.
Kurt Welser (ganz links) und seine Familie nahmen die Freiheitskämpfer Forer, Oberlechner und Steger gastfreundlich bei sich auf. (Bild Archiv)
Ausdrücklich wurde Forer darauf hingewiesen, dass es das Ziel des BAS sei, die Selbstbestimmung für Südtirol zu erreichen und dass durch den Freiheitskampf keine Menschen zu Schaden kommen sollten.
An der Feuernacht (1961) war er selbst nicht beteiligt, da ihm der Termin dafür nicht mitgeteilt wurde. Aber unmittelbar danach hat er gemeinsam mit seinen Kameraden, den drei anderen Pustra Buabn mehrere Strommasten gesprengt. Ihm war bewusst, dass ihm das von den Carabinieri ob seiner allseits bekannten Heimatliebe zur Last gelegt werden würde. Um einer Verhaftung zu entgehen, flüchtete er über die Zillertaler Alpen nach Nordtirol, nachdem er sich von seinen Eltern verabschiedet hatte, die ihn und sein Handeln verstanden und ihm viel Glück gewünscht hatten. In Österreich halfen und unterstützten ihn in mannigfacher Weise seine dort lebenden Kameraden.
Der in Nordtirol ansässige Freiheitskämpfer Dr. Heinrich Klier vermittelte Sepp Forer die Unterkunft im Hause Hartung. (Bild Archiv)
So wurde Sepp Forer über Vermittlung des Nordtiroler Freiheitskämpfer Dr. Heinrich Klier, den meine Mutter schon verschiedentlich unterstützte und der in einem ihrer Keller ein Sprengstoff- und Waffendepot unterhielt, in unserer Wohnung einquartiert.
Während dieser Zeit hat er mir ohne Nennung von Namen oder Orten über seine Einsätze im hinteren Pustertal berichtet. Stets sei er mit seinem drei Kameraden, den sogenannten Pustra Buabn, ab Mai bis in den Herbst über die Zillertaler Alpen, bewaffnet und mit anderer Ausrüstung versehen, nach Südtirol gegangen. Sie hätten zumeist in Stadeln gewohnt und von der einheimischen Bevölkerung Nahrung und wichtige Informationen erhalten. Diese betrafen zumeist die Anzahl und den Aufenthalt italienischer Soldaten, welche teilweise in einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des „Terrorismus“ eingesetzt waren.
Dieser Sondereinheit, welche sich in der Gegend nicht auskannte, gaben die Tiroler keine verwertbaren Auskünfte. Sie teilten zumeist mit, dass sie Nichts wüssten und Niemanden gesehen hätten. So konnte sich Sepp Forer mit seinen Kameraden sicher in seiner Heimat bewegen und war zumeist in der Nacht aktiv. Nachschub an Sprengstoff und Munition erhielt er über Freunde und verwahrte diese in der Natur in versteckten Depots – vor mehreren Jahren wurde solche noch gefunden. Tags über konnte Forer des Öfteren die ihm suchenden italienischen Soldaten mit seinem Feldstecher beobachten. Er berichtete mir, dass diese bei Streifengängen fast bei jeder Weggabelung und Alles überschauenden Hanglagen zwei Soldaten zurück ließen und so die Gegend, Höfe und Heustadeln kontrollierten. Forer hatte den Eindruck, dass die italienischen Soldaten große Angst hatten und sich hier in der Fremde, trotz großer Zahl und teilweise gepanzerten Wagen, in keiner Weise wohl und sicher fühlten.
Bild aus „Kronen Zeitung“ vom 24. September 1964.
Er erinnerte sich auch an das Inferno von Tesselberg (September 1964) als tausende italienischen Soldaten die vier Pustra Buabn umzingelt und in einem Heustadl versteckt glaubten. Die Italiener beschossen den Stadl mehrfach. Im Radio wurde gemeldet, dass in diesem Stadl einer der Pustra Buabn erschossen worden sei. Dies beunruhigte Forer, war aber eine Fehlmeldung, denn er und seine Kameraden konnten einzeln, mit Hilfe der Bevölkerung nach Nordtirol flüchten. Im zerschossenen Stadl wurde lediglich ein größeres Tier getötet.
Willkürlich veranlassten italienische Soldaten, dass die Bevölkerung von Tesselberg ihre Häuser verlassen musste, trennten Frauen und Kinder von ihren Männern und ließen sie stundenlang mit Handschellen gefesselt auf dem Boden liegen. Unter dem Vorwand die Pustra Buabn zu erwischen, durchsuchten sie die Häuser, verwüsteten und zerstörten Vieles und bedrohten die ausschließlich Tiroler Einwohner in vielfältiger Weise, wobei ein Mädchen angeschossen wurde.
Vater Mair an dem Tisch, an welchem seine Tochter Mathilde angeschossen wurde. (Bild aus „Dolomiten“)
Der italienische Oberst Marasco gab vor Ort die Weisung 15 Dorfbewohner ohne Verfahren zu exekutieren und das gesamte Dorf zu zerstören. – dies wurde vom dort tätigen italienischen Kommandanten Guidici nicht befolgt; er wurde darauf versetzt. Die in Tesselberg tätigen italienischen Soldaten wurden ob ihrer willkürlich, gesetzlich nicht gedeckten Taten, meines Wissens nie zur Verantwortung gezogen.
Forer und die restlichen Pustra Buabn beendeten 1967, gleich den meisten Freiheitskämpfern, ihren Einsatz in Südtirol auf Intervention des damaligen Tiroler Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer. Dies, um die durch den Freiheitskampf erst begonnenen diplomatischen Bemühungen, welche auf Empfehlung der Vereinten Nationen zwischen Österreich und Italien zustande kamen, nicht vor dem sich abzeichneten Vertragsabschluss zu gefährden. So starte Sepp Forer erneut, heiratete und errichtet mit seiner Frau in Ladis (Nordtiroler Oberland) ein schönes Hotel wo ich ihn gelegentlich besuchte.
Prof. Dr. Erhard Hartung (links) mit Sepp Forer bei einem gemeinsamen Treffen. (Bild Hartung)
Während-seiner Jahre im Nordtiroler Exil war Forer stets für Südtirol aktiv. So unterstützte er Mitte der 1990 er Jahre eine Unterschriftensammlung, die mehr als 20.000 Personen unterfertigten, zur Beseitigung des faschistischen Siegesdenkmals in Bozen. Ebenso engagierte er sich vielseitig in der „Kameradschaft der ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfer“, besonders um als Zeitzeuge die Tiroler Bevölkerung über die Ereignisse während der 1960er Jahre in Südtirol zu informieren. Mit ehemaligen Kameraden organisierte er auch, dass auf dem Tummelplatz in Innsbruck bei Schloss Ambras ein Ehrenmal für die seit der italienischen Besetzung Südtirols ermordeten, aus politischen Gründen eingesperrten oder aus der Heimat vertriebenen Landsleute errichtet wurde.
Forer und seine engsten Kameraden, die drei Pustra Buabn Steger, Oberlechner und Oberleitner beendeten, gleich den anderen Freiheitskämpfern ihren selbstlosen, gefährlichen Einsatz in Südtirol auf Intervention des damaligen Tiroler Landeshauptmannes Eduard Wallnöfer.
Der aus Südtirol stammende Nordtiroler Landeshauptmann Eduard Wallnöfer – ein Freund der Freiheitskämpfer. (Bild Archiv)
Dies, um die durch den Freiheitskampf erst begonnenen diplomatischen Bemühungen, welche auf Empfehlung der Vereinten Nationen zwischen Österreich und Italien zustande kamen, nicht vor einem sich abzeichnenden Vertragsabschluss zu gefährden.
„Würdiger Abschied des ‚Pustra Bui‘“
Die trauernde Witwe Vilma mit ihren vier Kindern und einem Enkel. (Bild Hartung)
Unter dem Titel „Würdiger Abschied des ‚Pustra Bui‘“ berichtete das Internetportal „Unser Tirol“ über das Begräbnis am 12. April 2025 in Ladis:
„Nach dem Gottesdienst bewegte sich ein langer Trauerzug bestehend aus hunderten Schützen und Freunden durch das Dorf, wo eine Bläsergruppe der Musikkapelle Mühlen in Taufers das Lied vom guten Kameraden spielte, berichtet der Südtiroler Schützenbund in einer Aussendung. Die Grabrede hielt der ehemalige Hauptmann der Schützenkompanie Taufers Rudi Oberhuber. In bewegenden Worten erinnerte er an Sepp Forers Einsatz für die Heimat Tirol:
‚Als unsere Heimat Südtirol bedroht war, hast du gemeinsam mit anderen Freiheitskämpfern alles riskiert, um auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Es war kein Übermut, der dich zum Widerstand greifen ließ – es war die tiefe Überzeugung, für das Richtige einzutreten. Immer wieder habt ihr Puschtra Buibm durch Aktionen gegen öffentliche Einrichtungen versucht, auf die Situation in Südtirol aufmerksam zu machen – und habt euch für die Wiedervereinigung Tirols eingesetzt!‘“
Schier endlos war der Trauerzug, der sich in Ladis zum Friedhof bewegte. (Bild SSB)
Der Landeskommandant des Südtiroler Schützenbunde Roland Seppi war mit seinen Schützen nach Ladis gekommen – links von ihm ist auf diesem Bild auch die aus Südtirol stammende Nordtiroler Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler, eine Enkelin des Freiheitskämpfers Georg Klotz, zu sehen.
Unter den Teilnehmern an dem Begräbnis sah man auch:
Den letzten Überlebenden der Puschtra Buibm Siegfried Steger, der im Nordtiroler Exil in Telfs lebt.
Siegfried Steger vor der Urne des verstorbenen Kameraden und Kampfgefährten. (Bild SSB)
Den ehemaligen Freiheitskämpfer Prof. Dr. Erhard Hartung.
Rechts neben der Schützenfahne der ehemalige Freiheitskämpfer Prof. Dr. Erhard Hartung aus Innsbruck.(Bild Hartung)
Prof. Dr. Erhard Hartung verabschiedete sich von seinem Kameraden. (Bild Hartung)
Den Bürgermeister von Ladis Hans-Georg Pittl (Liste „Gemeinsam für Ladis“).
Den Pfarrer Willi Pfurtscheller, der das Lebenswerk des Verstorbenen würdigte, der für die Freiheit Tirols große Opfer gebracht und sein Leben riskiert hatte.
Pfarrer Pfurtscheller bei der Totenmesse in der Kirche. (Bild SSB)
Die ehemalige Südtiroler Landtagsabgeordnete Dr. Eva Klotz, die Tochter des Freiheitskämpfers Georg Klotz mit ihren Schwestern Barbara und Rosi und ihrem Bruder Manfred Klotz.
Dr. Eva Klotz (im Bild direkt links neben dem Kreuz). (Bild SSB)
Den Südtiroler Landtagsabgeordneten Sven Knoll (Südtiroler Freiheit).
Die Nordtiroler Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler (FPÖ), eine Enkelin von Georg Klotz.
Den Nordtiroler Landtagsabgeordneten Dominik Traxl (ÖVP Tirol)
Der von ehemaligen Freiheitskämpfern und politischen Häftlingen gegründete „Südtiroler Heimatbund“ (SHB) war unter der Leitung seines Obmannes Roland Lang mit 19 Personen zu dem Begräbnis gekommen.
Der SHB-Obmann Roland Lang war mit seinen Kameraden gekommen. (Bild SSB)
Ebenso nahm eine Abordnung des Andreas-Hofer-Bundes Tirol unter Alois Wechselberger, dem Nordtiroler Schützenhauptmann Hans Moser (Alpach Nordtirol) und Hermann Unterkircher vom AH-Bund Deutschland, an dem Begräbnis teil.
Von links nach rechts: Hermann Unterkircher, Alois Wechselberger, Prof. Dr. Erhard Hartung, Hans Moser (Bild Hartung)
Die Tochter Barbara Forer leitet heute das von Sepp Forer und seiner Frau Wilma gegründete Hotel Forer in Ladis. Wer dieses schöne Hotel besuchen will, kann hier nähere Auskünfte einholen: https://www.hotel-forer.at/de/hotel-ladis
Andreas-Hofer-Feier in Südtirol – Ehrung des um Südtirol verdienten Österreichers Werner Neubauer
Die von dem „Südtiroler Schützenbund“ (SSB) veranstaltete große Andreas-Hofer-Landesgedenkfeier fand am 23. Februar 2025 bei dem Sandwirt, dem Geburtshaus von Andreas Hofer in St. Leonhard in Passeier, statt.
1.500 Schützen und Marketenderinnen folgten den zahlrechen Ehrengästen, die zum Gedenken an den 215. Todestag ihres Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer in das Passeier gekommen waren. (Bild SSB)
Gedenkgottesdienst durch den Großmeister des Deutschen Ritterordens und den Schildhofbauern des Passeiertales. (Bild SSB)
Erzherzog Georg von Habsburg-Lothringen hielt die Festrede vor dem Geburtshaus des Andreas Hofer, neben ihm der Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes Roland Seppi. (Bild SSB)
Im Anschluss daran wurden verdiente Marketenderinnen und Schützen geehrt. Unter ihnen befand sich auch der ehemalige österreichische Nationalratsabgeordnete Werner Neubauer, dem Südtirol zur zweiten Heimat wurde und der Leutnant in der Schützenkompanie Gries ist. Ihm wurde die Silberne Verdienstmedaille des Schützenbunde verliehen.
Werner Neubauer wird die Verdienstmedaille angesteckt. (Bild SSB)
Links: Die Ehrenurkunde. Rechts: Erzherzog Georg von Habsburg-Lothringen und Werner Neubauer, Zugleutnant der Schützenkompanie Gries/Bozen. (Bild: Archiv Neubauer)
Dokumentation:
Werner Neubauers herausragende Leistungen für Südtirol
Die Liebe zu Südtirol ist in Werner Neubauer früh erwacht. Bereits im Alter von 16 Jahren hatte er vielfachen Kontakt zu Tiroler Freiheitskämpfern, die über Südtirol und ihre persönlichen Erfahrungen im Kampf um die Selbstbestimmung bzw. um ein Autonomiestatut bei ihren Auftritten erzählten.
Dies ermunterte ihn bereits mit 18 Jahren einen Verein der Südtirolfreunde zu gründen.
Als Neubauer im Jahr 2006 für die Freiheitliche Partei in den Nationalrat entsendet wurde, wurde er aufgrund seines großen Wissens zur Südtirol-Frage schnell zum Südtirolsprecher der FPÖ im Parlament ernannt.
Der 1956 in Linz geborene Werner Neubauer BA, MA, war in der Folge von 2006 bis 2019 Abgeordneter zum Österreichischen Nationalrat und forderte als Südtirol-Sprecher das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol, die Verankerung der Schutzmachtrolle Österreichs in der Bundesverfassung, die Abschaffung der künstlichen faschistischen Ortsnamen in Südtirol und die Beseitigung faschistischer Denkmäler und Relikte. Für diese Ziele ging er bei Kundgebungen des Südtiroler Schützenbundes auch mit Transparenten auf die Straßen in Bozen, Meran und Bruneck.
Immer wieder trat er als österreichischer Parlamentarier dafür ein, dass den deutschen und ladinischen Südtirolern auch die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt werden solle. Mit diesem Vorstoß öffnete er der österreichischen Südtirol-Politik neue Wege.
Immer wieder forderte Neubauer, dass den deutschen und ladinischen Südtirolern auch die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt werden solle. Ein von ihm am 12. März 2009 eingebrachter parlamentarischer Entschließungsantrag – von einigen Südtiroler SVP-Abgeordneten begrüßt – wurde von der ÖVP beerdigt. (Bild STF)
Werner Neubauer (4. von rechts) im Gedenkjahr 2009 auf einer Demonstration des „Südtiroler Schützenbundes“ (SSB) in Bruneck. (Bild SSB)
Werner Neubauer 2009 auf der Gedenkfeier in Salurn für den von den Faschisten auf eine einsame Insel verbannten und frühzeitig zu Tode gekommenen Salurner Rechtsanwalt Dr. Josef Noldin, der sich für den geheimen Deutschunterricht eingesetzt hatte. (Bild SSB)
Auf dem „Freiheitsmarsch“ des „Südtiroler Schützenbundes“ (SSB) am 14. April 2012 in Bozen trug der parlamentarische FPÖ-Südtirol Sprecher Werner Neubauer ein Transparent, auf welchem die doppelte Staatsbürgerschaft für Südtiroler gefordert und Südtirol zur österreichischen Herzensangelegenheit erklärt wurde. (Bild SSB)
2009 veröffentlichte Werner Neubauer dieses Buch, in welchem auch über alle seine bisherigen parlamentarischen Initiativen der FPÖ zur Südtirol-Frage berichtet wird
2014 erschien diese Gedenkschrift aus seiner Feder im Südtiroler EFFEKT-Verlag.
Im Jahr 2023 veröffentlichte Werner Neubauer die Publikation „600 Jahre Grieser Wehrhaftigkeit als Teil der Tiroler Landesverteidigung“.
Ein Jahr später erschien aus seiner Feder die Darstellung „Mut zur Treue – Die Geschichte der Schützen Villanders“.
Zukünftige Aufgabenstellungen
Obwohl sich Werner Neubauer im Jahr 2019 aus der aktiven Politik verabschiedet hat, schlägt sein Herz nach wie vor für seine zweite Heimat Südtirol.
Er arbeitet in Österreich in Südtirol Angelegenheiten als Berater, bereitet in diesen Monaten eine weitere Publikation mit Südtirol Bezug vor und hält Vorträge über die aktuelle Situation und die Zukunft des Landes südlich des Brenners. Ein besonderes Anliegen ist Neubauer der jugendliche Nachwuchs. Es ist ihm wichtig, den jungen Menschen die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Autonomie und die Wichtigkeit einer deutschen Schule immer wieder näher zu bringen. Darüber hinaus pflegt er das Tiroler Schützenwesen aus voller Überzeugung.
Wir sind davon überzeugt, dass Werner Neubauer nicht schweigen wird, wenn der Autonomie Gefahr droht oder Italien die Rechte der deutschen und ladinischen Minderheit bedrohen sollte.
Am 8. Dezember 2024 hatten mehr als 2.000 Teilnehmer in St. Pauls in Kirche und auf dem Friedhof des von den Carabinieri 1961 schwer gefolterten und dann 1964 in der Gefangenschaft umgekommenen legendären Freiheitskämpfers Sepp Kerschbaumer gedacht.
Auf dieser Feier war über Lautsprecher eine über Mobiltelefon übertragene berührende Gedenkrede des im Exil lebenden Freiheitskämpfers Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung zu hören gewesen.
Auf dem Friedhof hatten Pater Reinald Romaner OFM und Roland Lang, Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ SHB (links im Bild), gesprochen. (Bild SSB)
Darauf hin hatten die Landtagsabgeordneten Anna Scarafoni und Marco Galateo von der neofaschistischen – pardon: postfaschistischen – Partei „Fratelli d’Italia“ – „Brüder Italiens“ in einer Landtagsanfrage eine Distanzierung von jeglicher Ehrung der Südtiroler Freiheitskämpfer der Sechzigerjahre gefordert und von „unmoralischen Feierlichkeiten“ gesprochen.
Der an den Folgen von Folter und Inhaftierung im Gefängnis von Verona verstorbene Freiheitskämpfer Sepp Kerschbaumer aus Frangart – Gedenkkarte des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB)
In ihrer Anfrage behaupteten Scarafoni und Galateo: „Die Autonomie in Südtirol wurde trotz des Terrorismus und nicht wegen des Terrorismus erreicht.“ Sie bezeichnen die Freiheitskämpfer des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) als „Terroristen“ und verwiesen auf die Opfer auf der Porzescharte im Jahre 1967. Sie ignorierten, dass die Freiheitskämpfer nachweislich nicht die Urheber eines Anschlags auf der Porzescharte gewesen waren.
Univ.-Prof. Dr. Erhard Hartung war in Österreich aufgrund der Anhörung von Zeugen und der Vorlage sprengtechnischer Gutachten gerichtlich von dem Vorwurf einer „Täterschaft“ ausdrücklich freigesprochen worden.
In Italien wurde er jedoch trotz Anforderung ohne Vorladung und ohne Übermittlung einer Anklageschrift in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt – nach Erkenntnis des Verwaltungsgerichtes Wien war dies menschenrechtswidrig. Von dieser Verurteilung hatte er lediglich aus der Zeitung erfahren.
Anna Scarafoni und Marco Galateo von den „Fratelli d’Italia“ (Wahlkampf-Bild)
Marco Galateo, den Südtirols Landeshauptmann Kompatscher (SVP) zu seinem Stellvertreter gemacht hat, fühlte sich im Kreise Neofaschisten wohl, die ungeniert mit dem faschistischen „Saluto Romano“ grüßten.
Veröffentlichung auf dem Internet-Portal „Unser Tirol 24“ vom 24. Jänner 2024
„Kompatscher bestätigt Südtiroler Freiheitskampf“
Roland Lang, Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB)
Unter dem Titel „Kompatscher bestätigt Südtiroler Freiheitskampf“ sandte Roland Lang, Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB) am 4. Jänner 2024 nachstehende Pressemitteilung aus:
„Landeshauptmann Kompatscher ist sicher kein Patriot, aber auch er bestätigte nun in Antwort auf einer Anfrage der Landtagsabgeordneten Anna Scarafoni klar, dass Sepp Kerschbaumer und seine Mitstreiter Freiheitskämpfer waren. So wie Magnago und Durnwalder bestätigt damit auch der amtierende Landeshauptmann, dass die Unterdrückung der Südtiroler die Feuernacht notwendig gemacht hatte und Italien an den Verhandlungstisch gezwungen hat.
Bereits Magnago hatte mehrmals bestätigt, so SHB-Obmann Roland Lang, dass die Anschläge Italien zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen hat. „Die Anschläge von damals und die darauffolgenden Prozesse gehören, genau wie vieles andere, zur Nachkriegsgeschichte Südtirols und stellen einen bedeutenden Beitrag zu dieser Geschichte und zur Erreichung einer besseren Autonomie für Südtirol dar“ so Magnago im SVP-Parteiorgan Volksbote vom 8. April 1976.
Der ehemalige Landeshauptmann Durnwalder hat am 30. November 2024 in seiner Rede in Frangart zur Eröffnung der Ausstellung über den Freiheitskämpfer Kerschbaumer erklärt: „Sepp Kerschbaumer ist nicht tot – er lebt in seinem Vermächtnis weiter. Er hat uns Werte hinterlassen, die wir bewahren und leben sollten.“
In Beantwortung der Landtagsanfrage der Fratelli d`Italia vom 23.12. 2024 erklärte Landeshauptmann Dr. Arno Kompatscher:
„Sepp Kerschbaumer verdient sich den Namen Freiheitskämpfer vollauf. Er hat sich für die Rechte der Südtiroler und Südtirolerinnen eingesetzt, er war immer darauf bedacht, keine Menschen zu verletzen. Es ging um ein Signal und einen Aufschrei in einer Zeit der großen Unterdrückung.“
Der Südtiroler Heimatbund erklärt erneut seine Solidarität mit Univ. Prof. Dr. Erhard Hartung. Die Beweise seiner Unschuld im Fall Porzescharte sind längst bekannt und seine Rede bei der Gedenkveranstaltung in St. Pauls war ausgeglichen und ein Bekenntnis zur Gewaltfreiheit.
Der österreichische Militärhistoriker Oberst Mag. Dr. Hubert Speckner ist anhand von Sachverständigengutachten und sicherheitsdienstlicher sowie persönlicher „Tatort“-Begehungen zu dem Schluss gekommen, dass auf der Porzescharte ein vermutliches italienisches Verminungs-Unglück geheimdienstlich zu einem künstlichen „Tatort“ umfunktioniert worden sei, um Freiheitskämpfer zu belasten.
Der Landtagsabgeordneten Frau Anna Scarafoni möchte ich noch das Buch „Feuernacht- Die Notwehr eines Volkes“ des Südtiroler Heimatbundes empfehlen. Selbstverständlich ist es auch in italienischer Sprache erhältlich. Es ist erfreulich, wie zahlreich die positiven Rückmeldungen sind. Viele Italiener haben den Lügenmärchen der nationalistischen Politiker und der sensationshungrigen Presse über jene Zeit in Südtirol blind geglaubt. Erst jetzt verstehen viele die wahren Gründe der Anschläge, die Notwehr eines Volkes, so der SHB-Obmann.“
Das von dem „Südtiroler Heimatbund“ (SHB) herausgegebene Buch „Feuernacht“ ist auch in einer italienischen Ausgabe erschienen und könnte somit problemlos von Scarafoni und Galateo gelesen werden.
Zum Jahresende – Rückblick – Ausblick
Bild: Dr. Franz Pahl ist Vorsitzender des SVP-Clubs der Altmandatare. Er tritt öffentlich für die Wiedervereinigung Südtirols mit dem Vaterland Österreich ein.
Wie steht es um Südtirol? Was wird die Zukunft bringen? Ein Rückblick und Ausblick, verfasst von dem ehemaligen SVP-Landtagsabgeordneten und Regionalratspräsidenten Dr. Franz Pahl.
(Bildtexte durch die Redaktion beigestellt.)
Drei Kernthemen der Südtirolpolitik
Die Bemühungen des Landeshauptmannes um die Wiederherstellung von Autonomie-Kompetenzen, die bedrohliche Abschwächung des Proporzes und die Auseinandersetzung um den Deutschunterricht beherrschen die Südtirolpolitik. Nichts davon ist neu, doch in diesem Jahr traten sie besonders hervor.
Südtirolpaket dank ‚Feuernacht‘
In der „Herz-Jesu-Nacht“ („Feuernacht“) vom 12. Auf den 13. Juni 1961 waren 37 Hochspannungsmasten gesprengt und einige weitere schwer beschädigt worden. (Bild: Archiv)
Als das neue Autonomiestatut 1972 in Kraft trat, war die „Feuernacht“ von 1961 noch lebendige Erinnerung. Erst unter dem politischen Druck der Attentate der Südtirolaktivisten begannen die aufeinanderfolgenden italienischen Regierungen mit Österreich über eine echte Autonomie zu verhandeln.
Während die Attentate dank der Verhandlungen abflauten und das formaldemokratische Italien die Südtirolaktivisten unter schweren Missachtungen der Menschenrechte verfolgte, kam das „Südtirolpaket“ voran und wurde 1969 von der Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei angenommen. Die Südtirolaktivisten erhielten erst 1976 in einer Erklärung des damaligen Parteiobmannes Silvius Magnago eine späte moralische Würdigung ihrer Beweggründe.
Der SVP-Parteiobmann und Landeshauptmann Dr. Silvius Magnago erklärte im SVP-Organ „Volksbote“ vom 8. April 1976: „Die Anschlage von damals und die darauffolgenden Prozesse gehören, genau, wie vieles andere, zur Nachkriegsgeschichte Südtirols und stellen einen bedeutenden Beitrag zu dieser Geschichte und zur Erreichung einer besseren Autonomie für Südtirol dar.“ (Bild aus einer Fernsehdiskussion)
Paketabschluss
1992 wurde das Südtirolpaket unter SVP-Obmann Roland Riz mit der österreichischen Streitbeendigungserklärung formell abgeschlossen. Der zähe Kampf um die Wahrung der autonomen Kompetenzen setzte sich fort. In der Regel verließ man sich auf die direkten Verhandlungen zwischen der SVP und Rom. In einigen Fällen wurde die österreichische „Schutzmacht“ eingeschaltet.
Abschied der Erlebnisgenerationen
Unverkennbar nagte die politische Vergesslichkeit der nachwachsenden Generationen am politischen Kampfbewusstsein. Je mehr die „alte Garde“ aus Altersgründen aus dem Amt schied und schließlich – im letzten Jahrzehnt – auch die jüngere Generation der 80er Jahre, die noch die lange Schlussphase der Paketdurchführung erlebt hatte, die politische Bühne verließ, desto mehr verschwand auch das Wissen um die Notwendigkeit der politischen Kampfbereitschaft.
Der SVP-Obmann Richard Theiner beklagte das mangelnde Wissen der Politiker. (Bild aus einem Fernsehbericht)
Nachfolgende Politiker meinten, dass die Autonomie gesichert sei. Wie SVP-Obmann Richard Theiner (Obmann 2009-14) einmal meinte, bestehe in der Mehrheit der politischen Vertreter kein ausreichendes politisches Hintergrundwissen mehr, das ständig Anlass zu einem realpolitischen Misstrauen gegen den Zentralstatt bietet. Die Zahl der Ausnahmen, die eine Phalanx gegen den Staat zu bilden willens sind, ist zu gering geworden.
Verfassungsreform
2001 gab es nach den föderalistischen Reformdiskussionen noch einmal einen Anlass zur Hoffnung für die Zukunft. Die Volksabstimmung bestätigte positive Änderungen der Verfassung, die zum ersten Mal das Bemühen um eine bessere Kompetenzaufteilung zwischen dem Staat und den Regionen zeigte, aber auch einige neue Einschränkungen vorsah. Bald nach 2001 begann das Verfassungsgericht mit restriktiven Auslegungen der Autonomie. Das hatte Folgen.
Das Verfassungsgericht urteilt einschränkend
Der „corte costituzionale“ – der Verfassungsgerichtshof in Rom – schränkte wiederholt die Autonomie Südtirols ein. (Bild: Wikipedia)
Die Ämterordnung und das Personal sind durch Urteile des Verfassungsgerichts den staatlichen Grundregeln unterworfen. Die öffentlichen Finanzen sind durch die grundlegenden Koordinierungsprinzipien eingeschränkt. Im Bereich Ämterordnung und Personal (Art. 8 Nr. 1 ASt) steht die Regelung – nach der 2001 erfolgten Privatisierung der Dienstverhältnisse – nunmehr beinahe zur Gänze dem Staat zu. Hinzu kommen die Einschränkungen durch die grundlegenden Prinzipien zur Koordinierung der öffentlichen Finanzen. (Laut Bericht des Landeshauptmannes Arno Kompatscher zur Autonomiereform vom 19.3.2024)
Das staatliche Zivilrecht setzt dem Vergaberecht der öffentlichen Arbeiten enge Grenzen. Die Raumordnung ist der früheren Landeskontrolle beraubt. Das Gleiche gilt für den Zivilschutz, Bergbau, Pflanzen- und Tierschutz und die Jagd. Ortspolizei und Öffentliche Dienste sind durch restriktive Interpretationen und das Unionsrecht eingeschränkt. Der Umweltschutz ist zwar nicht als eigene Kompetenz im Autonomiestatut angeführt, jedoch vom Land aufgrund seiner Kompetenzen im Gesundheitswesen, der Raumordnung und dem Landschaftsschutz umfassend geregelt. (Laut Bericht des Landeshauptmannes Arno Kompatscher zur Autonomiereform vom 19.3.2024)
Neue Durchführungsbestimmungen nicht erfolgreich
Die Verfassungsreform von 2001 hatte aber nicht nur Vorteile für die Autonomie gebracht, sondern auch Einschränkungen vorgesehen, die zuvor nicht bestanden. Mit neuen Durchführungsverordnungen versuchte man, gegenzusteuern. Zu einem Erfolg führte das nicht, denn die antiautonomistische Rechtsprechung des Verfassungsgerichts konsolidierte sich. Das im Zweifel meist zentralistische Verfassungsgericht entschied ein ums andere Mal gegen die föderalistischen Absichten und höhlte regionale Kompetenzen durch rigide Urteile wieder aus. Das Gericht beschränkte sich dabei nicht nur auf eine zentralistische Auslegung, sondern griff sogar in die Verwaltungsregelungen der unteren Ebene ein.
Kein rechtzeitiger Widerstand
Überraschenderweise wurde diese Tendenz des Verfassungsgerichts selten öffentlich politisch diskutiert und noch weniger kampfbereit angeprangert. Die politische Wachsamkeit, in den Achtziger und Neunzigerjahren noch allgemeine Haltung, schwächte sich ab und blieb nur in wenigen politischen Einzelvertretern im Parlament (wie Zeller, Brugger, Peterlini, Durnwalder) lebendig.
Der ehemalige Landeshauptmann und SVP-Politiker Luis Durnwalder, Ehrenoffizier der Schützenkompanie Pfalzen, war noch wachsam gegen Aushöhlungen der Autonomie gewesen. (Bild SSB)
Der Südtirolkonvent hatte in seinen Beschlüssen eine Reform der Autonomie angeregt. Konsequenzen hatte dies nicht. Landeshauptmann Arno Kompatscher entschied sich aber, mit einem eigenen Konzept die rechtliche Aushöhlung der Autonomie durch das Verfassungsgericht zu thematisieren und legte dem Landtag einen Bericht vor. Darin sind die verlorenen Kompetenzen angeführt. Der Ministerpräsident der italienischen Rechtsregierung, Giorgia Meloni, sicherte dem Landeshauptmann zu, die früheren Kompetenzen in einem Verfassungsgesetz wiederherzustellen. Darüber hinausgehende Forderungen beschied sie abschlägig.
Römisches Hinhalten und rechter Übereifer
Rom schlug den üblichen Weg der Verzögerungen ein. Die bei den Landtagswahlen vom Oktober 2003 erneut geschwächte SVP ging mit der italienischen Rechten eine Koalition ein, um es Meloni politisch zu erleichtern, den Weg der Herstellung von früheren Kompetenzen entschlossen einzuschlagen. Zu einer typischen Rechtspolitik kam es in Südtirol trotz der Beteiligung von italienischen Rechtspolitikern nicht . Sie ließen zwar keine Gelegenheit aus, stramm nationalistische Töne anzuschlagen. In ihrem Sinne verändern konnten sie nichts. Auf Staatsebene zögerte Meloni hingegen nicht, überwunden geglaubte Denkweisen und Meinungsstereotypen wieder hoffähig zu machen. Sie decken sich – keineswegs auffallender Weise – mit Teilen der Moraldoktrin der katholischen Kirche. Darauf wagt selbst die linke Opposition nicht zu verweisen.
Urzí – ‚Trojanisches Pferd‘ in der Sechserkommission
Für Südtirol nahm die Regierung auf einem Umweg Einfluss, indem sie dafür sorgte, dass der langjährige Vertreter der Forza Italia, Alessandro Urzí, Präsident der Sechserkommission wurde. Sie behandelt Durchführungsverordnungen zur Südtirolautonomie. (Anmerkung: Die Sechserkommission ist ein gemeinsames Gremium von Staat und Provinz für die Umsetzung der Südtiroler Autonomie)
Auf Versammlungen des MSI („Movimento Sociale Italiano“ – „Italienische Sozialbewegung“) war es durchaus üblich, mit dem faschistischen „Saluto Romano“ zu grüßen. (Bild: Archiv)
Urzi, der aus dem alten nationalistischen MSI („Movimento Sociale Italiano“) , der Nachfolgeorganisation der nach dem 2. Weltkrieg verbotenen Faschistischen Partei, herkommt und seine rückwärtsgewandte Haltung im Unterschied zu seinen früheren Kollegen im Landtag nie geändert hat, nützt sein Amt entsprechend aus. Die gegenwärtige Autonomiediskussion um das Projekt zur Wiederherstellung früherer Kompetenzen verbindet er nun mit der Gegenforderung, die Voraussetzungen für die Berechtigung zur Teilnahme an Gemeinde- und Landtagswahlen radikal abzuschwächen. Die Zahl der Italiener in Südtirol ist stetig im Rückgang und hat zu Verlusten bei der Wahl der italienischen Vertreter geführt. Darum fordert Urzí, die vierjährige Ansässigkeit für das Wahlrecht auf ein Jahr zu begrenzen. Das könnte leichter zur Wahl von mehr italienischen Vertretern führen. Damit gibt sich Urzí aber nicht zufrieden. In jedem Gemeinderat, der auch nur einen einzigen italienischen Vertreter aufweise, solle dieser auf jeden Fall einen Sitz im Gemeindeausschuss einnehmen.
Geschlossene Gegenwehr fehlt
Alessandro Urzi gehört der MSI-Nachfolgepartei „Fratelli d’Italia“ („Brüder Italiens“) an und ist in den Medien sehr präsent. (Bild: VIVI Italia Tv))
Urzís Forderungen sind hoch politisch und werden sich sehr zu Ungunsten der deutschen Volksgruppe auswirken, wenn ihnen nachgegeben würde. Aber gerade in diese Richtung gehen einzelne Wortmeldungen auch der deutschen Seite. Im Normalfall müsste eine Stellungnahme der SVP für Klarheit sorgen und die Forderungen abweisen. Der Parteiausschuss der SVP müsste sich seinerseits mit der Frage befassen und die Vorstellungen des Kommissionspräsidenten Urzí ablehnen. Es ist schon an sich eine Zumutung, dass ein italienischer Vertreter und noch dazu ein rechtsnationalistischer Politiker Präsident einer bedeutenden Kommission ist, die südtirolpolitische Beschlüsse fasst. Zwar ist die Regierung daran nicht gebunden. Die Kommission legt ihre Haltung in der Regel einvernehmlich fest und die Regierung nimmt die Durchführungsbestimmungen an. Würde die deutsche Vertretung den nationalistischen Forderungen zustimmen, wäre das eine Kniebeuge vor dem Nationalismus. Noch ist nichts entschieden. Es scheint aber, dass in der römischen Regierung mit ihrer offensichtlichen Verzögerungstaktik manche Ministerien nur darauf warten, Gründe für eine völlig unbefriedigende Behandlung der Südtiroler Forderungen zu finden. Die heimliche Abwehrhaltung wird deutlich. Derzeit sind es ausbleibende Gutachten einzelner Ministerien, die zum Zeitverlust führen.
Landeshauptmann droht mit Ende der Mitte-Rechts-Koalition
Landeshauptmann Arno Kompatscher hat seinen Unmut über die zögernde Haltung der römischen Regierung mehr als einmal geäußert und mit dem Ende der Mitte-Rechts-Koalition in Bozen gedroht. Auf die Koalition legt Meloni Wert, weil ihre Partner hierzulande auf die Fortdauer der Machtbeteiligung erpicht sind. Dennoch geben italienische Rechtspolitiker in Südtirol freimütig zu erkennen, dass sie in dem Nationalisten Urzí einen Verbündeten sehen und bekräftigen seine Argumente. Käme es zu keiner Einigung über die Sicherung früherer Kompetenzen, ist die Machtbeteiligung der Rechten in Bozen ernstlich in Gefahr. Würde die Koalition aufgelöst, wäre das einzige Machtmittel aus der Hand gegeben. Erst recht wäre dann kein römisches Entgegenkommen mehr zu erwarten. Man kann sich in diesem Fall das scheinheilige römische Bedauern ausmalen: Man hätte ja gerne eine strategische Partnerschaft gezeigt und die Südtiroler Forderungen im Prinzip erfüllt. Die SVP habe das aber durch den Koalitionsbruch unerwartet zerschlagen.
Die Alternative hieße, links-grüne Kräfte in Südtirol in die Landesregierung aufzunehmen, denen die Wiederherstellung der Kompetenzen aber nie ein echtes Anliegen war. Proporz und Zweisprachigkeit sind für sie relativ. Es wäre also nichts zu gewinnen. Die SVP macht weiter in ihren Bemühungen.
Es tröstet nur relativ, dass das Verfassungsgericht die Grundprinzipien des Minderheitenschutzes nie in Frage gestellt hat. Sie waren von den negativen Urteilen immer ausgenommen.
Aufweichung von innen
Die Bedrohung kommt auch von anderer Seite. Es ist die langsame und kaum kaschierte Aufweichung von Prinzipien der Autonomie durch die deutsche Seite selbst.
Mehrfach wurde der Proporz nicht mehr kämpferisch verteidigt. Es fehlt ein günstiges Arbeitsumfeld für deutsche Stelleninhaber. In staatlichen Bereichen dominiert das italienische Element und betrachtet Proporz und Zweisprachigkeit als widerwillig geduldeten Grundsatz. Im Sanitätsbereich wurde er längst freiwillig aufgeweicht. Die Zweisprachigkeit wird nicht mehr aktiv verteidigt.
Proporz relativiert
In einer genauen Aufstellung auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Andreas Leiter-Reber listete der Landeshauptmann selbst die ernüchternden Zahlen auf. Besonders auf der entscheidenden Führungsebene bleibt der deutsche Anteil weit unter einem Drittel statt der notwendigen Zweidrittel. (Schriftliche Antwort des Landeshauptmannes Arno Kompatscher auf die Anfrage des Ltg. Abg. Andreas Leiter Reber zum Proporz, Südtiroler Landtag, 13.11.2024)
Auch der „Südtiroler Schützenbund“ (SSB) warnte im September 2024 auf seiner Internetseite, dass der Proporz „in ernster Gefahr“ sei.
Die Folgen sprechen für sich: Je höher die Führungs- und Gehaltsebenen beim Fürsorgeinstitut NISF/INPS oder bei der Post sind, desto mehr Italiener und umso weniger deutsche Mitarbeiter. Während gut ausgebildete Südtiroler abwandern, bleiben Führungspositionen und gut dotierte Stellen im öffentlichen Dienst unbesetzt oder gehen an Beamte aus anderen Provinzen. (Leiter-Reber, Andreas, Presseaussendung vom 1. 12. 2024)
Laut dem ethnischen Proporz sind aufgrund der Volkszählungsergebnisse 69 Prozent für die deutsche, 26 Prozent für die italienische und 5 Prozent für die ladinische Sprachgruppe vorgesehen. Die Wirklichkeit ist ernüchternd: In den unteren Ebenen wird der Proporz noch leidlich eingehalten. Das Gegenteil ist bei den höheren Funktionsebenen der Fall, auf denen das Betriebsklima geprägt und die Entscheidungen gefällt werden. Allein bei der Agentur der Einnahmen zeigt es sich symptomatisch. Die Ebene der höheren Beamten ist zu 53 % italienisch, zu 45% deutsch und zu 2 % ladinisch besetzt. (Leiter-Reber, Andreas, Presseaussendung vom 1. 12. 2024)
Deutsche Schule in städtischen Zentren
Das Verfassungsgericht hat die Rechte der deutschen Schule nie angetastet. Dort gibt es wie in vielen Ländern der EU große Probleme mit der schulischen Integration von Einwandererkindern aus vorwiegend moslemischen Staaten. In städtischen Brennpunkten finden sich viel weniger deutsche als ausländische Schüler. Der Grund ist offensichtlich. Die unterschiedlichen Kulturen von Einwandererkindern aus nicht europäischen Staaten, die Lebensauffassung der Schülereltern und die völlig fehlende Kenntnis der Schulsprache Deutsch, sei es auch nur in der Form des Dialekts oder der weniger ausgeprägten umgangssprachlichen Varianten, machen den deutschen Schulunterricht in der normalen Form unmöglich. Das geht zu Lasten der deutschen Schüler. Immer mehr Eltern haben sich entschieden, ihre Kinder in Schulen der außerstädtischen Umgebung mit mehrheitlich deutschen Schülern einzuschreiben, um sie in einer günstigeren Lernumgebung bilden zu lassen.
Die Initiative der Bozner Goethe-Schule
Die Goethe-Schule in Bozen. (Bild: Wikipedia)
Dem trug die Direktorin der Bozner Goetheschule, Christine Holzer, Rechnung und sah für das Schuljahr 2024/25 eine Zuteilung von Schülern nach ihren Sprachkenntnissen vor. Ein Sturm linker Entrüstung folgte, weil die „Inklusion“ gefährdet sei.
Die Direktorin der Bozner Goetheschule, Christine Holzer, sprach ein offenes Wort. („Dolomiten“ vom 3. Oktober 2924)
Der Landeshauptmann und der Kulturlandesrat äußerten sich sachlich, beschränkten sich jedoch auf den Leitsatz der „Inklusion“ und gingen auf die realen didaktischen Probleme nicht ein. Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner reagierte aggressiv mit Verwaltungsverfahren und scheute sich nicht, auch Schuldirektoren, die die Goetheschule verteidigten, zum Rapport zu zitieren. Der Grundauftrag der deutschen Schule, einen gedeihlichen Deutschunterricht zu garantieren und diesen didaktisch zu ermöglichen, wird außer Acht gelassen. Die Schulamtsleiterin war offensichtlich uninteressiert an praktischen Lösungen.
Sogar sechs Bozner SVP-Ortsgruppen forderten den Rücktritt der Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner. („Dolomiten“ vom 27. September 2024)
Aus der Bevölkerung gab es eine ungeheure Fülle von Solidaritätsbekundungen für die Goetheschule. Die realen Schulsituationen interessierten die moralisierenden Kämpfer für den weltethisch verstandenen Vorrang der „Inklusion“ gegen didaktische Vernunft nicht.
Keine staatliche Stelle und kein Verfassungsgericht mischten sich ein, aber manche linken oder nationalistischen Vertreter mögen sich insgeheim die Hände gerieben haben, als sie sahen, wie leicht es war, die Lehrvernunft zur Strecke zu bringen und die Interessen der deutschen Schüler – und damit die deutsche Volksgruppe an sich – zu schädigen. Der ehemalige Berufsschuldirektor Josef Haspinger stellte nüchtern fest, dass er an seiner Schule Jahre lang ungestört und bei didaktischer Zusammenarbeit mit Fachleuten das gleiche Modell wie die Goetheschule erfolgreich praktiziert hatte.
SVP-CLUB nimmt Stellung
In einer Presseaussendung wandte sich der SVP-CLUB der ehemaligen Mandatare gegen die ideologische Verirrung des Schulamtes: Die Disziplinarmaßnahme gegen die Direktorin der Bozner Goetheschule, Christine Holzer, sei eine ideologische „Strafaktion“ und „politisch, rechtlich und didaktisch ein bestürzender Fehlgriff.“ Die Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner bediene sich eines “administrativen Macht- und Abschreckungsmittels“ gegen Direktorin Christine Holzer, die didaktisch richtig gehandelt hatte. (…)
Die deutschen Grundschüler haben das unverzichtbare Recht auf einen didaktischen Rahmen , der den muttersprachlichen Lernerfolg garantiert. Darauf müssen sich die Schülereltern, die Oberschulen und die Wirtschaft verlassen können. Es geht um eine hochpolitische Frage. (SVP-CLUB, Offener Brief vom 26. September 2024)
Die deutschen Schulkinder haben das Recht auf einen guten Deutschunterricht. (Symbolbild)
Die SVP richtete eine Arbeitsgruppe unter der Leitung des Landessekretärs Harald Stauder ein, um Vorschläge für einen erfolgreichen deutschen Sprachunterricht zu machen.
Die italienische Schule leidet an den gleichen Problemen wie die deutsche Schule. In Bayern geht man die Sache praktischer an. Ausländische Schüler mit keinen oder nur geringen Deutschkenntnissen werden für ein bis zwei Jahre in getrennten Klassen unterrichtet, bis sie im Stande sind, dem deutschen Normalunterricht zu folgen.
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Wir wünschen all unseren Lesern frohe Weihnachten und alles Gute für das Jahr 2025!