50. Todestag: Gedenken an einen unvergesslichen Freiheitskämpfer
Plakat des Südtiroler Heimatbundes (SHB) zum Gedenken an Georg Klotz
Nachruf von Roland Lang, Obmann des Südtiroler Heimatbundes (SHB)
Am 11. September 1919 wurde Georg Klotz in Walten im Passeiertal geboren. Wie es der Zufall der Geschichte ist, wurde am Tag zuvor in der französischen Hauptstadt Paris mit dem Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye das Los Südtirols besiegelt. So wusste der Passeirer von klein auf, was seine Lebensaufgabe ist.
Schon als Kind und Jugendlicher lernte er die brutale Gewaltherrschaft des Faschismus und die Italianisierungsversuche kennen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Klotz als Unteroffizier der Deutschen Wehrmacht in Norwegen, am Eismeer und in Russland.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft musste er ein zweites Mal feststellen, dass seine Heimat Südtirol erneut Italien zugeschanzt wurde.
Da das demokratische Italien die Rechte der Südtiroler, denen eine Autonomie zugesichert wurde, weiterhin aushöhlte, schloss sich Klotz, der sich inzwischen dem Wiederaufbau des Südtiroler Schützenwesens widmete, dem Befreiungsausschuss Südtirol um Sepp Kerschbaumer an.

An der Feuernacht nahm er nicht selbst aktiv teil. Klotz flüchtete ins Vaterland Österreich und entzog sich einer Verhaftung durch die italienischen Behörden. Gemeinsam mit seinem Freund Luis Amplatz führte er den Widerstand von Österreich weiter.


Da man Klotz, zur damaligen Zeit als „Staatsfeind Nr. 1“ deklariert, nicht habhaft werden konnte, beschloss der italienische Geheimdienst, ihn umzubringen.

Am 7. September 1964 befanden sich Klotz und Amplatz auf einer Heuhütte in Saltaus. Mit ihnen war auch der Österreicher Christian Kerbler von der Partie. Letzterer erwies sich als hinterlistiger Agent und Meuchelmörder. Mitten im Schlaf erschoss er Amplatz und verwundete Klotz schwer. Der Passeirer schleppte sich über die Grenze. Eine Operation im Krankenhaus rettete ihm das Leben.

Am 25. Jänner 1976 verstarb Georg Klotz in österreichischen Exil. Die Erben von Jörg Klotz gehen unbeirrt den Weg der Freiheit weiter. Allen voran kann seine Tochter Eva namentlich angeführt werden, die über dreieinhalb Jahrzehnte im Südtiroler Landtag saß und sich stets für die Selbstbestimmung Südtirols einsetzte und weiterhin einsetzt. Denn die sinnvolle Bemerkung des Vaters, wonach der Himmel und das Heimatland keine Halben verdienen, ist aktueller denn je. Es ist demnach nicht verkehrt, sich diesen Kerngedanken zu Herzen zu nehmen und für die Freiheit Südtirols mit demokratischen Mitteln zu kämpfen und positiv nach vorne zu blicken.

Wir gedenken des unvergesslichen Freiheitskämpfers und treten für ein vereinigtes Tirol ein.
Roland Lang
Obmann des „Südtiroler Heimatbundes“ (SHB)
(Bilder: Archiv des SHB)
Die Gedenkfeier des Südtiroler Schützenbundes

Am 26. Jänner 2026 versammelten sich in St. Leonhard im Passeier Schützen und Marketenderinnen aus allen Teilen Tirols, um gemeinsam mit dem Schützenbataillon Passeier unter dem Gesamtkommando von Bataillonskommandant Artur Oberprantacher des 50. Todestages von Major Georg „Jörg“ Klotz zu gedenken.
In der Pfarrkirche zum heiligen Leonhard wurde der feierliche Gottesdienst vom Prior des Deutschen Ordens, P. Christian Stuefer, zelebriert.

Im Anschluss daran hielt die freiheitliche Abgeordnete zum Nordtiroler Landtag, Gudrun Kofler, eine Enkelin von Jörg Klotz, nachstehende vielbeachtete Gedenkrede:
„Ein Toter kehrt heim.
Schweigend treten wir an den Saum seines Weges,
der einst sein Fluchtweg war, vor gedungenem Verrat.
Und vorher des Lebens, des Kampfes Bahn.
Allein in den Wäldern
trat ihm der Tod in den Weg.
Und wir verstummen, die niemals genug geliebt,
nicht bis ans Ende.
Hohe Geistlichkeit,
liebe Schützen und Marketenderinnen,
liebe Familie,
Tiroler Landsleute!
Beim Betrachten alter Familienfotos bin ich auf ein Erinnerungskärtchen für Jörg Klotz mit diesem Gedicht von Gabriele von Pidoll gestoßen und wusste schon beim ersten Lesen – damit würde ich meine Gedenkrede beginnen. Obwohl nur aus wenigen Zeilen bestehend, beschreibt es auf eindrückliche Weise sein Leben und vor allem sein Sterben.
Er teilte im Leben das Schicksal vieler seiner Landsleute und auch im Sterben jenes einiger seiner Kameraden. „Ein Toter kehrt heim“. Verbannt aus seiner Heimat, musste er erst sterben, bevor er wieder in diese zurückkehren durfte.
Am 31. Jänner 1976 wurde Georg Klotz hier an diesem Ort, zu Grabe getragen. Es war ein verschneiter Wintertag, wie heute, und obwohl von verschiedenen Seiten aus politischen Gründen versucht wurde, eine Teilnahme an seiner Überstellung und Beerdigung zu verhindern, fanden unzählige Landsleute und Schützen aus Nah und Fern den Weg hierher und folgten als nicht enden wollender Trauerzug dem blumen- und mit Tiroler Fahnen geschmückten Sarg, der erst wenige Tage zuvor unter strengster Polizeiaufsicht die Unrechtsgrenze am Brenner passiert hatte.

„Ein Toter kehrt heim“.
Heute – 50 Jahre später – stehen wir hier an ebendiesem Ort. Ein Ort der Stille und der Erinnerung und erfüllt von so viel Geschichte. Erfüllt vom Leben, vom Leiden, vom Mut und der unerschütterlichen Überzeugung eines Mannes, dessen Name untrennbar mit dem Freiheitswillen unseres Landes verbunden ist.
Ich habe heute eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Fünfzig Jahre nach seinem Tod darf ich als seine Enkelin hier zu ihm und über ihn sprechen. Sein Andenken in Worte zu fassen und meine Gedanken beizutragen, ist eine große Ehre und erfüllt mich mit Rührung und Stolz zugleich.

Leider war es mir nicht vergönnt, ihn persönlich kennenlernen zu dürfen. Ich habe nie seine Stimme gehört, ihm nie in die Augen geschaut, nie seine Pfeife gerochen, die er mit Leidenschaft geraucht hat und kann nur erahnen, was er uns Enkeln wohl alles zu erzählen gehabt hätte.
Aber: er ist nichtsdestotrotz fester Bestandteil meines Lebens und war das schon in meiner Kindheit. Viele meiner ersten Erinnerungen sind geprägt von Erzählungen über ihn, von Gesprächen in der Familie, von Anekdoten, von dem, wer er war und wofür er stand. Bei den gemeinsamen Familienurlauben in seinem Heimathaus in Walten erinnerte alles an ihn. Wir bestaunten als Kinder die Bilder und Andenken und die Urkunden, die er für seine Verdienste um das Schützenwesen verliehen bekommen hatte und verbrachten etliche Stunden in eben jener Stube, in der er mit seiner Frau und seinen Kindern auch gesessen hatte.
Er war nie einfach „nur Vergangenheit“. Er war immer da.
Jörg Klotz wuchs in einer Zeit auf, in der unsere Heimat systematisch entrechtet, unsere Sprache verboten, unsere Herkunft verleugnet und unser Volkstum bekämpft wurde. Er lebte in einer Zeit, in der man sich entscheiden musste: Die Unterjochung unter einen fremden Staat zulassen, sich anpassen oder Haltung zeigen.
Er hat sich für Letzteres entschieden. Er hat für die Freiheit gekämpft. Mit aller Konsequenz.
Er wurde verfolgt, verurteilt, von Italien zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und entging nur knapp einem feigen Mordanschlag, bei dem er seinen Kameraden Luis Amplatz verlor und schwer verwundet zu Fuß die Flucht über die Berge nach Nordtirol antreten musste. Er wurde gezwungen, das zu verlassen, was ihm lieb und teuer war: seine Heimat und seine Familie.
Das Exil war wohl das schwerste Opfer seines Lebens. Ein Leben unter ständiger Beobachtung, zur Zurückhaltung und zum Abwarten verdammt und wohl ahnend, dass er nicht so schnell zurückkommen können würde.
Er sollte recht behalten. Er kam nicht mehr lebend zurück.

Doch Erinnerung ist Nähe.
Es gibt dieses Lied von STS, das wohl jeder von uns kennt und das mich immer an ihn erinnert. Obwohl wir uns nie kennenlernen durften, uns nie gegenübergesessen sind, fehlt er.
Und ich wünschte mir zuweilen auch, er würde einfach kurz „orkemmen auf an schnelln Kaffee“.
Gerade dann, wenn Entscheidungen anstehen oder der Weg einmal mühsam oder schwer wird.
Denn eines weiß ich ganz sicher:
Ich wäre heute nicht die, die ich bin und dort, wo ich stehe, wenn es ihn und diese Geschichte nicht gegeben hätte. Wenn diese Vorbilder – und da gehört er unweigerlich dazu – mit ihrem Mut, ihren Opfern und ihrem unbeugsamen Willen mich nicht geprägt hätten.
Er hat vorgelebt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Er hat gezeigt, dass es niemals eine Option ist, Unrecht und den Ausverkauf der Heimat hinzunehmen.
Darin liegt sein Vermächtnis. Und es ist mir ein Anliegen, mit allem, was ich heute beitragen kann, fortzuführen, was ihm wichtig war und am Herzen lag.
Mit anderen Mitteln als damals, aber mit derselben Klarheit und mit demselben Ziel.
Im Einsatz für unsere Sprache. Unsere Kultur. Unser Volkstum. Für unsere Identität.
Wir leben in einer Zeit, in der wieder versucht wird, Sprache zu relativieren, Identität zu verwässern und Heimat beliebig zu machen. In der uns eingeredet wird, dass alles Fremde eine Bereicherung ist, während alles Eigene abgewertet wird.
Wir erleben gerade erneut, dass hart erkämpfte Minderheitenrechte in unserem Land wieder zur Verhandlungsmasse werden. Willfährig verscherbelt von jenen, die sich selbst als Volksvertreter bezeichnen.
Und von uns wird erwartet, gehorsam und dankbar zu sein.
Der Erhalt unserer Sprache und des muttersprachlichen Unterrichts ist nicht verhandelbar und unsere Lebensart und unser Volkstum sind kein Relikt.
Gerade deshalb ist Erinnerung kein Selbstzweck. Gedenkfeiern wie diese sind kein bloßes Ritual. Sie sind Auftrag.
Liebe Landsleute! Der Freiheitskampf von damals ist Geschichte.
Aber das worum gekämpft wurde, nicht. Freiheit ist hochaktuell!
Damals wie heute braucht es Menschen mit Haltung.
Menschen, die nicht schweigen, wenn Sprache verdrängt wird, wenn Identität relativiert wird. Wenn Heimat beliebig gemacht werden soll.
Menschen, wie ihr, die ihr hier seid, um Jörg Klotz eure Ehre zu erweisen und seiner zu gedenken, aber die ihr auch hier seid, weil euch das, wofür er und seine Kameraden standen, etwas bedeutet! Weil ihr wisst, woher ihr kommt und bereit seid, dafür einzustehen.

Ich bin überzeugt:
Wenn die Freiheitskämpfer der 1950er- und 60er-Jahre sehen könnten, wie sehr wir ihren Einsatz in Ehren halten, wie inspirierend sie heute noch für uns und unser Tun sind und welche Wellen ihr Einsatz und ihr Mut noch immer schlagen, wären sie sehr hoffnungsvoll und stolz.
Stolz darauf, dass ihr den Weg weitergeht. Dass ihr dieses wertvolle Erbe nicht nur verwaltet, sondern lebt und schützt.
Dass ihr zeigt: Der Einsatz für Tirol, für Sprache, Identität und Volkstum ist kein Blick zurück, sondern ein sehr zukunftsweisender Schritt nach vorne.

Lieber Opa,
einiges von dem, was du dir vorgenommen hattest, ist nicht geglückt. Aber sehr vieles schon. Und du hast vorgelebt, wie es geht.
Dein Name und dein Tun verpflichten. Dein Weg wirkt weiter.
Und dein Vermächtnis lebt. In uns, in unserem Handeln und in unserem klaren Bekenntnis zu dieser Heimat.
Wir tragen es weiter. Mit Stolz. Mit Verantwortung. Und mit dem festen Willen, das zu bewahren, wofür du gelebt, gelitten und gekämpft hast.
Möge dir die Heimaterde leicht sein!
Alles für Tirol!“

